Langersehnte Kultur oder Lärmbelästigung? | Streit um das »Dach der Stadt Open Air«

Die letzten Wochen im Quartier waren maßgeblich von der Entwicklung der Pandemie gezeichnet. Überall kehrte wieder Leben ein: in den Hinterhöfen, der Gastronomie, auf der Nordbahntrasse und im Rahmen des „Dach der Stadt Open Air“. Eine Kulturveranstaltung, die an 10 Wochenenden zahlreiche Events im Quartier realisiert und sowohl lokalen als auch überregionalen Künstler*innen eine Bühne bietet. Neben vielen begeisterten Besucher*innen führte das Open Air aber insbesondere bei Anwohner*innen zu Frustration. Was die zahlreichen Besucher*innen als Möglichkeit des Kulturerlebens wahrnehmen, ist für sie mit enormer Lärmbelästigung verbunden. Im Rahmen des 38. Forum:Mirke trafen deshalb einige Anwohner*innen auf die Veranstaltenden des Festivals, Horst Jesué Wegener und Thilo Küpper. Wir waren natürlich dabei und haben unsere Eindrücke des Abends um einige Interviews mit den Beteiligten ergänzt.

Das 38. Forum:Mirke in der Alten Glaserei | Foto von Wolf Sondermann

Die vergangenen 1,5 Jahre sind maßgeblich von den Auswirkungen der Covid-19 Pandemie gezeichnet. Der größte Teil der Wuppertaler*innen versuchte sich nach besten Möglichkeiten voneinander zu isolieren und traf lediglich bei der Arbeit, in der Schule oder in kleinen privaten Treffen aufeinander. Doch diese Begegnungen waren allesamt von ihrer Einschränkung gezeichnet. Bloß nicht zu nahe kommen, Maske tragen, auf die eigene Gesundheit und die der anderen achten – solidarisch sein. Der anhaltende Sommer und die Entwicklung der Pandemie brachten dann die langersehnte Möglichkeit mit sich endlich wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen. Kulturveranstaltungen spielen hier für einen großen Dreh- und Angelpunkt. Umso freudiger reagierten viele Wuppertaler*innen als sie von der kurzfristigen Realisierung des „Dach der Stadt Open Air“ auf den Flächen des Kulturkindergartens an der Nordbahntrasse hörten. Im Rahmen von 10 Wochen finden hier ca. 30 Kulturveranstaltungen statt, die nicht nur lokale Künstler*innen wieder auf die Bühne holen, sondern ebenso überregional bekannte. In diesem Sinne finden neben Konzerten (maßgeblich Hip-Hop und Pop) themenbezogene Kinoevents des Medienprojekts und Podiumsdiskussionen statt. Außerhalb des Open Airs betreibt die „Dach der Stadt GmbH“ einen sogenannten Social Hub in der „Cotton Factory“, in der auch die „Wupperwerft“ beheimatet ist. In diesem Rahmen beschreiben sie sich selbst als nachhaltige, fortschrittliche, antidiskriminierende und faire Bürofläche, soziale Gemeinschaft und Förderer von Diversität(en). Das „Dach der Stadt Open Air“ möchte diese Werte nun unter Geschäftsführung durch Horst Jesué Wegener und Thilo Küpper, in die Kulturlandschaft Wuppertals implementieren. So sei eines der Ziele des Festivals, das Selbstwertgefühl der Wuppertaler*innen zu stärken, in dem Wuppertal zu einer Stadt heranwächst, die auch überregional für ihr vielfältiges Kulturangebot bekannt ist – 50% der Besucher*innen kommen bereits zu diesem Zeitpunkt aus Städten außerhalb von Wuppertal.

Damit machen die Initiator*innen des Festivals einen unlängst notwendigen Schritt und bereichern die lokale Kulturszene. Gerade in Wuppertal bedarf es Orte, die ihre Funktion als Schutzräume wahrnehmen und sich nicht bloß als nicht-diskriminierende Räume verstehen, sondern explizit als antidiskriminierende. Diversität sollte außerdem ein essenzieller Bestandteil einer Kulturszene sein, die sich mit ihren eigenen Umstände und dessen konstruierter Grundlage beschäftigt. Schließlich ist Wuppertal eine diverse und vielfältige Stadt. Warum sollte nicht auch das Kulturangebot ein diverses sein? Doch das Open Air ist in den letzten Wochen zum Gegenstand einer anderen Diskussion im Quartier geworden und bringt ebenso Unmut mit sich. Nicht aufseiten der Besucher*innen, die begeistert die Veranstaltungen besuchen, sondern auf Seiten der Anwohner*innen, die über zehn Wochenenden Teil des Festivals sind – ob sie nun wollen oder nicht. Einige von Ihnen machten über ein Banner auf sich aufmerksam, andere über Leser*innenbriefe oder Kommentare auf Social Media Plattformen. Was die einen als langersehnte Musik in den Ohren vernehmen, müssen andere als Lärm ertragen.

Mehr Anwohner*innen und Interessierte als gedacht | Foto von Wolf Sondermann

Wie das 38. Forum:Mirke unschwer erkennen lässt: Die Liste des Unmuts der Anwohner*innen ist lang. Vorab stellen sie aber allesamt heraus, dass sie grundlegend nichts gegen Kulturveranstaltungen an sich haben – auch nicht vor der eigenen Haustür. Das Problem sei viel mehr die Lautstärke, die von der temporären Festivalfläche und den heimkehrenden Besucher*innen ausgeht. Auch wenn sie sich laut diverser professioneller Dezibelmessungen im Rahmen des Legalen einpegelt, empfinden manche der Anwohner*innen diese als störend. Lärmempfindung ist eben kein objektiver Faktor. Was für manche als feierwürdige Lautstärke erscheint, ist für andere bereits Grund, die eigene Wohnung nicht mehr als lebenswert zu erachten, wie einer der anwesenden Anwohner zusammenfasst. Dieser Widerspruch ist für einige nur schwer zu fassen, aber er ist gegeben und valide. Außerdem sei es nicht möglich, an der Konzertabenden mit geöffneten Fenstern zu schlafen, weil die Besucher*innen sich nach Ende der Veranstaltung um 21:30 Uhr auf den Flächen aufhalten und zu späterer Stunde den Heimweg antreten. Dass dieser mit ungewolltem Lärm verbunden ist, ist für die Quartiersbewohner*innen allgemeiner Konsens. Hauptargument der Anwohner*innen ist jedoch nicht die Lärmbelästigung an einem einzelnen Abend, sondern vielmehr eine kontinuierliche über 10 Wochenenden. Das Quartier kennt ganztägige Großveranstaltungen zu Genüge. Aber diesen kann man sich mit einem Wochenendausflug oder dem Besuch von Freund*innen entziehen. An zehn Wochenenden wird das entweder ziemlich teuer, in den meisten Fällen allerdings unmöglich. Wenn Horst Jesué Wegener verkündet, dass ein großer Teil der lauteren Tagesveranstaltungen bereits vorbei sind, täuscht dies nicht darüber hinweg, dass die Anwohner*innen diesen schutzlos ausgesetzt sind. Und das an einem Ort, der einen privaten Rückzugsraum darstellt. Bei einigen Anwohner*innen kommt daher die Frage auf, ob das „Dach der Stadt Open Air“ tatsächlich für sie sei, oder aus anderen Beweggründen veranstaltet wird.

Natürlich bedeutet gesellschaftliches Zusammenleben, wie es z.B. in Quartieren stattfindet, dass in den meisten Fällen nicht alles unter allgemeinem Konsens stattfinden kann. Und das ist grundlegend auch in Ordnung solange das Verhältnis stimmt. Die Anwohner*innen des Quartiers wurden in der Vergangenheit allerdings durch zahlreiche Aktionen übergangen, und auch in der Zukunft drohen Planungen dies zu tun. Das Hauptproblem des Sachverhalts besteht daher in einem Mangel an Kommunikation. Statt die Quartiersbewohner*innen in Zukunft vor vollendete Tatsachen zu stellen, sollten sie bereits vorab mit einbezogen werden und vor allem umfänglich über Geplantes informiert werden. Deshalb bedarf es erweiterter Selbstorganisation der Anwohner*innen und lokalen Akteur*innen, die in Kontakt treten, bevor Nägel mit Köpfen gemacht werden. Nur wenn vor Vollendung einer Tatsache Raum für Konsens geschaffen wird, kann eine Veranstaltung tatsächlich für alle Wuppertaler*innen sein. Nur dann kann Geben und Nehmen in einen Einklang geraten, der die Nerven aller nicht überstrapaziert. Denn seien wir ehrlich: Die Anwohner*innen wissen um ihre Wohnlage und wollen keinesfalls als bremsende Kraft auftreten. Wenn aber die eigene Wohnung zu einem Raum wird, in dem das Wohnen zeitweise unmöglich ist, dann ist das Bremsen die einzige Möglichkeit – ob via Banner oder Leser*innenbrief. Das soll keine bösartigen Kommentare rechtfertigen, aber Verständnis für die Situation der Anwohner*innen fördern.

Zwischen den Exponaten der Ausstellung zum Solar Decathlon 2021 wird über das Quartier gesprochen | Foto von Wolf Sondermann

Grundsätzlich verlief das Aufeinandertreffen recht ergiebig. Die Anwohner*innen hatten die Möglichkeit, Luft abzulassen und auf Antworten zu pochen, und auch die Veranstaltenden hatten die Möglichkeit, sich zu erklären. Laut eigener Aussage lernen Wegener und Küpper aus ihren Fehlern, auch wenn für die kommenden Veranstaltungen vorerst keine weiteren Vorkehrungen geplant sind. Darüber hinaus gehen aus der Debatte zwei zukunftsgerichtete Voraussagen hervor. Erstens: Baldiges Aufatmen für die Anwohner*innen, denn das größte der Gefühle ist bereits geschafft. Es folgen laut Aussage der Veranstalter*innen nur noch vier lautere und einige leisere Veranstaltungen. Zweitens: Die momentane Thematik sollte Anlass für zukunftsgerichtete Diskussionen und erweiterte Selbstorganisation sein. Im Hinblick auf den Umbau der A46 und einen kommenden Solar Decathlon, mit angesetzten 150.000 Besucher*innen und vorausgehendem Baulärm, wird erweiterte Lärmbelästigung und Überfüllung der Quartierstrukturen eine Rolle spielen. Eine weitgefasste und inklusive Debatte über das Zusammenleben im Quartier ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben aller Nachbar*innen. Ob es dafür weiteren Arbeitskreisen bedarf oder der Initiierung eines*einer Quartiersmediator*in muss sich in Zukunft zeigen.

Zum Abschluss eröffneten Horst Jesué Wegener und Thilo Küpper noch einmal die Möglichkeit, sie im Rahmen der Veranstaltungen via Telefon [0202 – 51 52 250] oder Mail [festival@dachderstadt.de] zu kontaktieren. Nach Möglichkeit würde dann aufseiten der Veranstaltenden das Möglichste getan, die Lautstärke oder Bässe einzuschränken.

 

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