STADTENTWICKLUNGSSALON | Gemeinwohlorientierte Flächenentwicklung: Utopiastadt Campus als Impuls? | Ein Nachbericht

Utopiastadt ist ein zentraler Ort im Quartier. Das ist zu einem dem kreativen und nachhaltigen Schaffen der ehrenamtlichen Utopist*innen zuzuschreiben, zum anderen allerdings ebenso Ergebnis eines langwierigen Prozesses der Sicherung der umliegenden Flächen – dem Utopistadt Campus. Diese 50.000 qm große Fläche, die den ehemaligen Bahnhof Mirke und die angrenzende Nordbahntrasse umschließen, eröffnet Raum für bürgerschaftliche Stadtentwicklung mitten im urbanen Raum. Eine Ausgangslage die in zeitgenössischen Stadtbildern nicht mehr oft zu finden ist. Doch diese Gegebenheit kommt nicht von irgendwo. Ein langwieriger Kommunikationsprozess mit der Stadt Wuppertal, den ehemaligen Besitzer*innen der Fläche und den Utopist*innen setzte die Grundlage für diesen Status Quo. Aber wie kam es zu dieser Ausgangslage? Wie unterscheidet sich der Prozess im Quartier Mirke von den vielen vergleichbaren, jedoch zumeist gescheiterten, Prozessen in der Bundesrepublik? Und inwiefern kann der Erfolg als Impuls für eine aktive Bodenpolitik verstanden werden? Diesen grundlegenden Fragen widmete sich der 8. Stadtentwicklungssalon am Dienstag, dem 09. März 2021.

Graphic-Recording von Dalibor Relic

Aufgrund der anhaltenden Pandemie, und damit einhergehen Beschränkungen für die Veranstaltungsbranche, wurde die Veranstaltung im digitalen Raum abgehalten. Der Wuppertaler Kulturstream stew.one diente dafür als Plattform. Moderiert wurde die Veranstaltung von Sven MacDonald, Mitglied des Förderverein Utopiastadt e.V. und Mitglied des Beirats »Initiative Ergreifen«. Unterstützt wurde er von Lana Horsthemke, die in Utopiastadt für strategische Kommunikation zuständig ist. Als Referent*innen wurde der Geschäftsführende und Projektinitiator Utopiastadts Christian Hampe, die Wissenschaftler des Wuppertal Instituts und transzent Matthias Wanner und Boris Bachmann und die Moderatorin und Stadtentwicklungsexpertin Frauke Burgdorff eingeladen. Begleitet wurde der Abend von Dalibor Relic im Rahmen eines Graphic-Recordings. Nach einer kurzen Einführung in den Ablauf des Abends und einer Vorstellung der beteiligten Referent*innen, begann Christian Hampe mit dem ersten Block der Veranstaltung.

Dieser erste Block beschäftigte sich einleitend mit der Historie Utopiastadts und des umliegenden Campus. Die Gründer*innen Utopiastadts, Beate B. Blaschczok und Christian Hampe studierten gemeinsam Kommunikationsdesign und veröffentlichten darüber hinaus ein themenbasiertes Magazin mit dem Namen »Clownfisch«. 2008 zogen sie mit ihrer Ausgabe zum Thema „Schöpfung“ für ein Jahr in die Elba-Hallen ein und schufen damit Raum für eine groß gefasste Ausstellung auf 3000qm. Im Zuge dieser Zwischennutzung trafen Kulturschaffende, auf Kreative und Macher*innen und entwickelten durch diesen Gesellschaftskongress einen Kosmos von einer Stadt der Zukunft, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet. Angetrieben durch diese Ideen begaben sich Blaschczok und Hampe auf die Suche nach einer geeigneten Fläche – fündig wurden sie damals durch die Entdeckung des ehemaligen Bahnhofs Mirke. Utopiastadt fand ein Zuhause. Inzwischen ist der ehemalige Bahnhof Mirke kaum wiederzukennen: Kultur, Mobilität, offene Werkstätten, Urban Gardening, Bildung, Erziehung und Forschung. All diese und noch viele weitere Themen finden Anklang in der neu geschaffenen Utopiastadt. Der Umbau der angrenzenden Nordbahntrasse zu einem Fahrradschnellweg hat dazu seinen Teil beigetragen. So kommen an sonnigen Tagen außerhalb der Pandemie gerne bis zu 2500 Menschen auf den umliegenden Flächen zusammen, um die Sonne zu genießen, sich dem sozialen Leben hinzugeben und das urbane Leben auf eine ganz eigene Art und Weise zu zelebrieren. Doch die Utopist*innen wollen mehr und erarbeiten gemeinsam ein Konzept für die Entwicklung der umliegenden 50.000qm großen Fläche – den zukünftigen Utopiastadt Campus. Hier soll bürgerliche Stadtentwicklung ein Zuhause finden, ganz im Sinne des Gemeinwohls und der Entwicklung urbaner Flächen. Die umliegenden Flächen wurden nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs jedoch an die Tochterfirma „Aurelis“ abgetreten, die deutschlandweit ehemaligen Boden der Deutschen Bahn verwaltet. Hier trifft Großinvestor*innen mit gewinnbringendem Verkaufsinteresse auf private Stadtmacher*innen ohne großes Kapital – normalerweise führt eine solche Begegnung dazu, dass Großinvestor*innen die Flächen gewinnbringend abtreten und die gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung sich in Zwischennutzungszeiträume nur begrenzt entfalten kann. Doch in Utopiastadt lief es etwas anders. Gemeinsam mit Vertreter*innen lokaler Politik und Vetreter*innen der Firma „Aurelis“ suchten die Utopist*innen das Gespräch und gründeten den Utopiastadt Campus Flächenbeirat (kurz UCF). Dieser Beirat beschäftigt sich in einem langwierigen Prozess mit Kriterien rund um die zukünftige Nutzung und den Verkauf der Flächen. Darin schreibt die  lokale Politik fest, dass die umliegenden Flächen in Hinblick auf Utopiastadt entwickelt werden sollen und „Aurelis“ erkennt an, dass die Flächen durch das Schaffen der Utopist*innen bereits symbolisch in Utopistadt verankert sind. Letztendlich erwirbt die Utopiastadt gGmbH die umliegenden 50.000qm Fläche nach einem ca. achtjährigen Prozess mithilfe der Finanzierung durch Spenden und Kredite. Fortan ist die Utopiastadt gGmbH damit Flächenbesitzer*in und mit Schulden in Millionenhöhe belastet. Neben verschiedenen Rahmenbedingungen die zum Erfolg der Utopist*innen beigetragen haben, spielt die Etablierung des Utopiastadt Campus Flächenbeirat und der damit einhergehende Prozess der Kommunikation unterschiedlicher Akteur*innen eine entscheidende Rolle für dieses Ergebnis. Diesen Prozess begleiteten auch die Forscher Matthias Wanner und Boris Bachmann wissenschaftlich und erstellten darüber hinaus eine Veröffentlichung. Dieser wissenschaftlichen Analyse, die Aufschluss darüber gibt, wie derartige Ergebnisse auch außerhalb von Wuppertal erschaffen werden können, widmete sich der zweite Teil des Abends.

Gruppenfoto zur Pressekonferenz bzgl. des Erwerbs der ersten Flächen 2018 | Foto von Wolf Sondermann

Nach den Forschungsarbeiten von Bachmann und Wanner, lassen sich grundlegende Unterschiede zwischen herkömmlichen und damit konventionellen Verläufen der Verkaufsgespräche und dem spezifischen Verlauf in Bezug auf Utopiastadt unterscheiden. In diesem Sinne sprechen die Forscher*innen exemplarisch von der Entwicklung eines Konflikts, die über das Austragen dieses Konflikts zu Planung und Verkaufsprozessen führen und damit zur fortwährenden Entwicklung der Flächen. Maßgeblich sind an dieser Entwicklung zwei Parteien beteiligt: die Partei, der die Fläche gehört, und die Partei, die die Flächen in Zukunft nutzen möchte – zumeist Stadtmacher*innen. In Ihrer Arbeit stellen Wanner und Bachmann heraus, dass der ausgetragene Konflikt oftmals mit einer Marginalisierung der Stadtmacher*innen einhergehe. Das führt dazu, dass Stadtmacher*innen nach einer gewissen Zeit verdrängt werden oder deren Konzepte in Prozesse eingebunden werden. Dass es in Utopiastadt anders lief, führen die Forscher*innen auf drei grundlegende Einflussfaktoren zurück: das Umfeld, die strategische Handlung und die städtische Handlung.

Im Rahmen des Umfeldes spielen sowohl räumliche, als auch finanzielle und zeitliche Faktoren hinein. Zum einen sind die Flächen des heutigen Campus aufgrund ihrer Nähe zur angrenzenden A46 nicht oder nur sehr eingeschränkt als Wohnbebauungsflächen nutzbar. Hinzukommt, dass bereits einige zahlende Bestandsnutzer*innen auf den Flächen verortet sind, die eine Finanzierung der anfallenden Kosten der Flächen erleichtern. Zeitlich gesehen spielt der Ausblick auf den »Solar Decathlon Europe 2021« und damit einhergehende finanzielle Mittel eine Rolle. All diese Faktoren schaffen ein Umfeld, dass den Erwerb der Flächen durch Utopiastadt begünstigte. Aber auch der strategische Prozess im Sinne der Etablierung des Utopiastadt Campus Flächenbeirats hatte einen enormen Einfluss auf den Erfolg des Vorhabens. Zum einen schaffte es Utopiastadt, die bauliche Sanierung des Bahnhofsgebäudes, mit dem inhaltlichen Angebot und der Quartiers- und Campusentwicklung zu verknüpfen. Dies geschah sowohl durch Networking innerhalb der Szene, aber auch diskursive und narrative Strategien Utopiastadts, die die Idee des Projekts über die Flächen hinaus erlebbar machte. Der moderierte Beirat schaffe außerdem zeitliche Ressourcen und einen Strategiewechsel der Flächenbesitzer*innen hin zu einem kooperativen Modus. Zuletzt übten die Handlungen der Stadt Wuppertal, und damit ist die Unterstützung Utopiastadts gemeint, eine maßgebliche Rolle aus. Die Stadt Wuppertal fungierte dabei sowohl als vermittelnde, bestärkende und etablierende Akteur*in, die die Gespräche maßgeblich an ihr Ziel brachten. Falls du mehr zu der wissenschaftlichen Arbeit von Wanner und Bachmann erfahren möchtest, findest du hier die Veröffentlichung der Forschungsarbeit zum Prozess.

Die Flächen in Aktion | Foto von Wolf Sondermann

Der dritte Teil des Abends widmete sich noch einmal genauer dem Gesprächsprozess des UCF und der damit einhergehenden Leuchtturm Funktion für nachfolgende vergleichbare Projekte. Sven Macdonald kam dazu mit Frauke Burgdorff ins Gespräch. Die Beigeordnete für Planung, Bau und Mobilität bei der Stadt Aachen und Stadtplanungsexpertin begleitete den Gesprächsprozess als Brückenbauerin, Moderatorin und Mediatorin. Als ehemalige Vorsitzende er „Montagsstiftung Urbane Räume“ und Gründer*in des Netzwerks „Immovilien“ war Burgdorff bereits mit einer gewissen Glaubwürdigkeit und Vertrauen versehen, als sie in den Vermittlungsprozess einstieg. Sie schaffte Raum für Verständnis des Gegenübers und damit einhergehendem wechselseitigem Vertrauen zwischen der „Aurelis“ und Utopiastadt. In insgesamt 13 separaten Sitzungen begleitete sie den Prozess fortwährend. Damit setzte sie auch Impulse für das virtuelle Entwerfen der Fläche und einer Erarbeitung verbindlicher Ankerpunkte in der Konzeptionierung der Planung. Als Akteur*in die einen externen Blick auf die ablaufenden Prozesse einnahm, ist Burgdorff der Überzeugung, dass der UCF als Modell auch für weitere Projekte von Nutzen sein kann und somit relevante Gegebenheiten mit einem kalkulierbaren Nutzen füllt. So spielt insbesondere die große Öffentlichkeit, die der Prozess rund um den Flächenerwerb Utopiastadts mit sich zog, ein enormer Faktor für dessen Erfolg. Frei nach dem Motto: Viel hilft viel! Der Erfolg der Utopist*innen ist als ein Erfolg der Szene der Stadtmacher*innen zu verschreiben und räumt somit Hoffnung und Zuversicht für Zukünftiges ein. Exemplarisch steht der UCF allerdings auch für ein exemplarisches Modell des Vertrauens zwischen Stadtmacher*innen und Kommunen. Stadtmacher*innen entwickeln urbanen Raum über die Möglichkeiten einer Kommune hinaus und schaffen dadurch ein lokales Selbstverständnis der Bürger*innen. Die lokalen Kommunen sollten diese Prozesse nach Möglichkeit infrastrukturell und finanziell, zumindest jedoch freiheitsermöglichend, unterstützen.

Letztendlich kann der Prozess rund um den Flächenerwerb Utopiastadts als ein überregionaler Impuls für Stadtmacher*innen in der Bundesrepublik interpretiert werden. Doch bleibt auch nach allem Erfolg ein herber Beigeschmack im Anbetracht der Schulden in Millionenhöhe. Um Stadtmacher*innen den Weg zu ebenen und Städte somit zu partizipativen, sozialen und diversen Räumen zu transformieren, ist es notwendig finanzielle Anreize für mögliche Entwickler*innen zu setzen. Privatwirtschaftliche Großinvestor*innen und kommunale Akteure haben oftmals zwar die Möglichkeiten Flächen zu entwickeln, schaffen jedoch keine vergleichbare produktive Atmosphäre. Christian Hampe ist in Bezug auf diese Beobachtung der Meinung, dass das produktive Moment Utopiastadts für Wuppertal vielmehr in einem stetigen Schaffensprozess zu verorten ist, als in einer vermeidlichen Vollendung eines Raumes. Nur so konnten Projekte wie der hiesige Kulturkindergarten im Prozess erdacht und umgesetzt werden. Die finanzielle Lage der Stadt Wuppertal und nicht existierende Bodenfonds der Landes- oder Bundesregierung für Stadtmacher*innen machte es jedoch notwendig, dass Utopiastadt sich verschuldet, um die Flächen zu erwerben. Alle Beteiligten des Abends sind sich zum Abschluss der Veranstaltung einig, dass Entwicklungen wie die des Utopiastadt Campus in Zukunft eine immer größere Rolle spielen werden. Daraus werden langfristig hoffentlich irgendwie geartete Bodenfonds entstehen, die bürgerschaftliche Stadtentwicklung auf kommunaler Ebene erleichtern und zugänglicher gestalten. Der Abend endete mit einem Getränk an der virtuellen Hutmachertheke, die einige der Utopist*innen im Zuge der Schließung der Gastronomie entwickelten.

Pressekonferenz zum Erwerb der ersten Flächen 2018 | Foto von Wolf Sondermann

Der 8. Stadtentwicklungssalon ist als ein erneuter Auftakt der Veranstaltungsreihe im Jahr 2021 zu verstehen. Im Mai 2021 findet ein weiterer Salon statt, der den Blick über die Stadtgrenze hinaus wirft, um in einer letzten Veranstaltung im Sommer dann ganz konkret zu werden. Falls du mehr über die kommenden Veranstaltungen erfahren möchtest, dann trag dich gerne in den Verteiler des Forum:Mirke ein (Link zur Hauptseite). Des Weiteren eröffnet die virtuelle Veranstaltung die Möglichkeit dafür, sich die Veranstaltung noch einmal anzusehen (Link zu YouTube).

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