STADTENTWICKLUNGSSALON | STADTTEILWERKSTATT ZUR Zukunft der GOLD-ZACK-FABRIK UND DEM QUARTIER MIRKE

Die ehemalige Gold-Zack-Fabrik ist ein Stück Wuppertaler Industriegeschichte und trägt neben vielen weiteren Gebäuden maßgeblich zum Flair der Nordbahntrasse bei. Heute wirkt dieser Ort aber durch seine vielfältige Nutzung als z.B. Theater, Boulder-Halle, Café, Museum und Werkstatt. Seit Längerem ist jedoch klar, dass die ehemalige Gold-Zack-Fabrik und das benachbarte Gebäude (Wiesenstraße 118 und 120) zukünftig nicht länger im Besitz der Stadt verweilen werden. Nach langwierigen Verhandlungsgesprächen zwischen den Mieter*innen und der Stadt, steht den Mieter*innen nun die Montag Stiftung Urbane Räume als eventuelle strategische Partnerin zur Seite. Gemeinsam wollen sie das Gebäude auch in Zukunft beleben. Der 9. Stadtentwicklungssalon widmete sich dieser Konstellation im Dachgeschoss des Gold-Zack-Gebäudes und ging gemeinsam mit Interessierten, Akteur*innen und Beteiligten der Frage nach, welche Bedarfe und möglichen Wirkungen mit der Übernahme der Immobilie durch die Montag Stiftung Urbane Räume einhergehen könnten.

Das Gold-Zack-Gebäude | Foto von Wolf Sondermann

Als 2019 bekannt gegeben wurde, dass die Stadt das Gebäude veräußern will, begann für die vielfältigen Mieter*innen eine Zeit der Ungewissheit: Wird zeitnah ein*e neue*r Besitzer*in gefunden? Wird diese*r sich den Bedarfen der Mieter*innen und Quartiersbewohner*innen annehmen? Werden die Mieten auf gleichem Niveau verbleiben können? Allesamt Fragen, die unweigerlich eine Auswirkung auf die Zukunft der bestehenden Konstellation haben werden. Doch statt sich diesen Fragen unbeteiligt hinzugeben, schlossen die Mieter*innen sich zu einem losen Kollektiv zusammen, um sich gemeinschaftlich zu organisieren und der inneren Unruhe und Ungewissheit einen produktiven Raum zu geben. Gemeinsam traten sie dann auf die Stadt zu und verdeutlichten ihr Anliegen, die Mieterkonstellation zu erhalten und die Zukunft der Immobilien vor willkürlichem Verkauf an bestbietende Käufer*innen zu schützen. Nach langwierigen Gesprächen wurde den Mieter*innen die Möglichkeit eröffnet sich eine*n strategische*n Partner*in zu suchen, die sie bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt und somit zur langfristigen Sicherung des Gebäudes beiträgt. Diese Partnerin fanden die Mieter*innen in der Montag Stiftung Urbane Räume, die sich nun im Rahmen einer Machbarkeitsstudie ein Bild vom Gebäude und bestehenden Bedarfen macht und gemeinsam mit den Mieter*innen ein Konzept entwickelt. In der ersten Hälfte des kommenden Jahres 2022 soll dann eine öffentliche Entscheidung bzgl. der möglichen Umsetzung getroffen werden.

Vorstellung der momentanen Situation | Foto von Wolf Sondermann

Die Montag Stiftung Urbane Räume macht sich in Wuppertal bereits einen Namen mit der Entwicklung des BOB Campus. Das ehemalige Textilwerk am östlichen Ende der Nordbahntrasse wurde über die letzten Jahre saniert und soll in allzu naher Zukunft eröffnet werden. Im Fokus steht dabei die Verbindung aus Gemeinwohl und Wirtschaftlichkeit. Diesem Balanceakt begehen sie laut eigener Aussage mit dem Konzept des „Initial-Kapitals“ mithilfe dessen ökonomisches Kapital in soziales Engagement umgewandelt werden kann. Die Voraussetzung dafür ist eine Immobilie mit Handlungsbedarf, die in der Wiesenstraße 118 und 120 zu finden ist. Gemeinsam mit Bewohner*innen, Akteur*innen und Mieter*innen entwickelt die Stiftung Konzepte für die zukünftige Nutzung der Immobilie, die durch Bedarfs-, Bestands- und Machbarkeitsanalysen unterfüttert werden. Sind diese Voraussetzungen erfüllt und ein Konzept entwickelt, würde das Gebäude von einer „Urbanen Nachbarschafts gGmbH“ übernommen, die sich der Umsetzung des Konzepts verschreibt. Die finanziellen Ressourcen für den Erwerb werden aus 30% Stiftungskapital und 70% Fremdkapital zusammengesetzt. Die letztendlichen Einnahmen der Immobilie müssen dann langfristig die 70% Fremdkapital erwirtschaften bzw. ggf. Überschüsse generieren, die rückwirkend in das Projekt zurückfließen. Mithilfe dieses Modells des Initial-Kapitals konnten bereits Projekte wie die KoFabrik in Bochum, die Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld, der Bürgerpark FreiFeld in Halle an der Saale, das HonsWerk in Remscheid und zukünftig der BOB Campus in Wuppertal Oberbarmen realisiert und entwickelt werden.

Diskurs über die Möglichkeiten des Gebäudes | Foto von Wolf Sondermann

Im Rahmen der Veranstaltung stellte die Montag Stiftung Urbane Räume, aber nicht nur ihre Vorgehensweise vor, sondern ebenso den bisherigen Stand der Machbarkeitsstudie. Wie zu erwarten, bedarf das Projekt baulicher Veränderung und Sanierung. Im Rahmen der Aufarbeitung der Außenflächen soll eine direkte Verbindung zwischen Wiesenstraße und Nordbahntrasse geschaffen, ein barrierefreier Zugang zum Gebäude ermöglicht und Fahrradabstellmöglichkeiten errichtet werden. Aber auch in der unter Denkmalschutz liegenden Gold-Zack-Fabrik müssen Sanierungsarbeiten vorgenommen werden. Die Feuchtigkeitsschäden im Untergeschoss erfordern eine teilweise Instandsetzung von Decken und Wänden und um zukünftiges Eindringen von Feuchtigkeit zu vermeiden, sollte das Untergeschoss außerdem vom umliegenden Erdreich befreit werden. Des Weiteren müssen Fenster teilmodernisiert, die Schrägverglasung im Dachgeschoss erneuert und die Dachdecke gedämmt werden. Die genauen Kosten für die denkmalgerechte Sanierung sind noch nicht abzuschätzen. Die Mieten der bestehenden Mieter*innen sollen langfristig allerdings nicht von der Sanierung und dessen Kosten betroffen sein.

Die eigentliche Frage des Abends drehte sich jedoch um die Bedarfe und Visionen, die im Haus materialisiert werden können. Was brauch das Quartier? Welche bestehenden Strukturen im Quartier können hier aufgegriffen und konzentriert werden? Und wie können diese Bedarfe, sowohl gemeinwohlorientiert als auch wirtschaftlich, machbar gestaltet werden? Diesen Fragen näherte sich der 9. Stadtentwicklungssalon in zwei Arbeitsgruppen, die zum einen die Möglichkeiten des Gebäudes und den Bedarfen des Quartiers widmeten. Bekanntlich ist das Mirker Quartier kein homogenes. Es ist vielmehr durchzogen von Widersprüchen, diversen Strukturen und Bedarfen. Diesen allumfänglich gerecht zu werden ist ein Mammutprojekt, wenn nicht sogar gänzlich unmöglich.  Es können jedoch Impulse gestreut werden, die Wuppertaler*innen und Quartiersbewohner*innen dazu einladen, sich die Immobilie auf vielfältigem Wege zu eigen zu machen. Dafür müsste die Immobilie allerdings vorerst zum Quartier hin geöffnet werden. Dunkle Ecken und nicht einladende Zugänge sollten baulich als auch symbolisch verändert werden, um Quartiersbewohner*innen Zugänge zu ermöglichen. Nur so kann Nachbarschaft, Gemeinwohl und Wirtschaftlichkeit in einen allumfänglichen Einklang gebracht werden und Ausschluss von vornherein vermieden werden. Die Immobilie wird dabei als eine von vielen Standorten verhandelt, die einen Impuls für langfristige Veränderung des urbanen Zusammenlebens setzen kann. Hier könnte Begegnung auf einer niederschwelligen Basis geschaffen, Verantwortung für Gesellschaft übernommen und somit neue Konstellationen von Akteur*innen, Besuchenden und Interessierten ermöglicht werden. Die Herangehensweisen dafür sind ebenso vielfältig wie die Spektren, in denen sich die momentanen Mieter*innen bewegen. Nicht nur deswegen ist es erstrebenswert, diese als Expert*innen in den Prozess der Entwicklung vor Ort einzubinden. So könnten die Immobilien Zugänge über Sportifikation, Handwerk und Handwerkskultur, Historie, Kultur, Mobilität, Soziales und eine Kombination dieser Oberthemen eröffnen. Die Impulse sind allesamt bereits im Haus und im Quartier verankert.

Diskussion in Kleingruppen zu den Bedarfen des Quartiers | Foto von Wolf Sondermann

Wie so oft wurde an diesem Abend deutlich, wie wichtig die Organisation und Vernetzung von einzelnen Akteur*innen für Stadtentwicklung in Wuppertal ist. Ohne den Zusammenschluss der Mieter*innen und ihre intensive Zusammenarbeit wäre das Gebäude evtl. schon an den*die höchstbietende*n Investor*in abgetreten worden. Ohne diesen Prozess der Kollektivierung und bestehende Vernetzung im Tal wäre aber auch die evtl. Kooperation mit der Montag Stiftung Urbane Räume nicht denkbar gewesen. Klar ist: das Quartier brauch keine durchdesignten Elfenbeintürme, sondern diverse Orte, die Möglichkeiten schaffen, Menschen miteinander zu verbinden und Raum für Gemeinschaft öffnen. Ob in einer Boulderhalle, im Museum, in einem Café, in Konferenzräumen oder bei Kulturveranstaltungen. Wir hoffen darauf, dass die Mieter*innen gemeinsam mit der Montag Stiftung Urbane Räume genau solche Räume erhalten, neue Impulse mitnehmen und weiter entwickeln können und blicken gespannt auf die hoffentlich baldige Entscheidung der Akteur*innen.

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