12/21 | Ein Projekt der Künstler:in Ava Amira Weis

Kunst und Kultur in Zeiten der Pandemie? Jetzt erst recht. Die Auswirkungen der Pandemie und angestoßenen Debatten innerhalb der Kunst- und Kulturszene nutzte die Künstler:in Ava Amira Weis um 2021 zu einem Projekt zu transformieren. Im Rahmen von „12/21“ kooperiert die Künstler:in in 12 Teilprojekten mit 21 Künstler*innen – einige dieser Projekte werden im Quartier stattfinden. Wir haben uns mit Ava im Rahmen eines Interviews getroffen um mehr über das Projekt, die Beweggründe und xiere Motivation zu erfahren.

Ava Amira Weis | Foto von Wolf Sondermann

Ava Amira Weis ist freischaffende Künstler:in, Journalist:in und Dozent:in. Die deutsch-irische Künstler:in lebt seit ihrer Jugend in Wuppertal und beschäftigt sich in xierem künstlerischen Dasein mit Themen rund um Körper, Gefühle, Gender und der Entstigmatisierung von gesellschaftlichen Phänomenen. Dafür greift xie auf verschiedene künstlerische Bereiche zurück. Darüber hinaus ist xie Vorstandsvorsitzende:r des „Fördervereins Utopiastadt e.V.“ und ehemaliges Jurymitglied des „EinTopf e.V.“. Da Ava die Pronomen xie/xier und die Selbstbezeichnung Künstler:in nutzt, wird im Verlauf des Artikels auf diese Form zurückgegriffen. 12/21 (twelve/twentyone) ist das neue Projekt der Künstler:in Ava Amira Weis. Im Rahmen von 12 Veranstaltungen im Jahr 2021, kooperiert die Künstler:in mit 21 Kulturschaffenden aus Wuppertal und Umgebung. Aber wie kommt man eigentlich auf die Idee ein solches Projekt in Zeiten einer anhaltenden Pandemie und geschlossenen Kulturorten durchzuführen?

Der Funke der zur Ausarbeitung und Umsetzung der Projektidee führte, entspringt einem schleichenden Prozess im vergangenen Sommer. Ava, die wie viele andere Kulturschaffende aufgrund der Maßnahmen in eine prekäre Situation gedrängt wurde, versucht die aufkommenden Thematiken der Kunst- und Kulturszene in ein Projekt zu implementieren. Die zündende Idee entsprang auf einem Spaziergang mit einer befreundeten Künstler*in. Die darauffolgende schlaflose Nacht ließ die Idee konkret werden und setzte damit den Grundstein für das Projekt. Statt sich der Pandemie und ihren Auswirkungen zu beugen, wollte Ava große Schritte nach vorne wagen. Warum also nicht einfach die hiesige Situation nutzen und mit allen Künstler*innen kooperieren mit denen xie schon immer mal zusammenarbeiten wollte? Schließlich sitzen ja alle mehr oder weniger im selben Boot. Der Kern dieses Konzept ist nicht gerade unambitioniert. 12 Veranstaltungen, 12 Kooperationen, 21 Künstler*innen in 12 Monaten. Das Ganze gipfelt in einer Werkschau, die voraussichtlich im Januar 2022 stattfindet und alle Teilprojekte miteinander verbindet. Ava und die kooperierenden Künstler*innen bedienen sich dabei verschiedener Kunstformen und treten somit über eigene Horizonte hinaus. Die Umsetzung des Projekts ist als ein sukzessiver Schaffensprozess zu begreifen, der sich stetig wandelt und weiterentwickelt. Gerade das Wuppertaler Kulturbüro begrüßte Avas Idee, da sie in ihrem Kern einer zutiefst solidarischen Idee entspringt – doch dazu später mehr.

Ava legte bei der Auswahl der potenziellen Ausstellungsorte großen Wert auf die Beschaffenheit und Gegebenheit der Räume. Xier ist es wichtig Kulturorte als Bühne zu nutzen, die in ihrem Kuratieren noch nicht festgefahren sind, wie manch alteingesessene Orte. Darüber hinaus sollen die einzelnen Orte sogenannte Safespaces für Thematiken und Menschen schaffen, die sich mit gesellschaftlich stigmatisierenden Prozessen beschäftigen oder solche verkörpern. Die Orte, an denen die Einzelprojekte durchgeführt werden, werden dabei nicht als Debattenräume fungieren, sondern vielmehr als Raum in dem Entfaltung und Hingabe ermöglicht werden. Damit möchte Ava Räume eröffnen in denen emanzipatorische Antworten auf gesellschaftliche Debatten eine akzeptierte Entfaltung finden. Xie verspricht sich dadurch auch dem Snobismus und der Überheblichkeit mancher alteingesessener Kunst- und Kulturorte entgehen zu können.

Im Interview | Foto von Wolf Sondermann

Im Quartier ist Ava auf der Suche nach einem solchen Ort in der Hebebühne gelandet. Hier werden die Projekte aus April und Mai ein Zuhause finden. Das Projekt „Blood, Sweat & Tears“ in Kooperation mit der Künstler*in Samantha-Jo Mühlen, setzt sich mit Körperflüssigkeiten und dessen gesellschaftliche Stigmatisierung auseinander. Im Rahmen einer interdisziplinären Ausstellung nähern sich die Kunstschaffenden der Thematik mit verschiedenen Kunstgattungen. Körperflüssigkeiten werden in bestimmten Kontexten erlaubt, in anderen wiederum verboten oder mit gesellschaftlicher Konnotation des Ekels oder Schams versehen – diese Kontextualisierung von körpereigenen Produkten soll im Rahmen der Ausstellung aufgedeckt werden und damit einen Grundstein für dessen Entstigmatisierung legen. Das Projekt „such a happy child“ findet im Mai in Kooperation mit der Kunstschaffenden Nina Maria Zorn statt. Gemeinsam erarbeiten sie eine Performance, die sich in ihrem Grundkern mit der Sezierung der eigenen Kindheiten und den Auswirkungen des Werdens in einer Gesellschaft auseinandersetzt. 

Das gesamte Projekt 12/21 entspringt einem Zeitraum, der unweigerlich mit den Gegebenheiten des Lebens und Schaffens in einer Pandemie verknüpft ist. Doch geht dieser Einfluss über die Einschränkung des persönlichen Raums hinaus. Auch in der Kunst- und Kulturszene hat die Pandemie neue Prozesse losgelöst. Seit geraumer Zeit vernetzen sich immer mehr Kulturschaffende und schaffen somit eine neue anhaltende Debatte. Ava beobachtet in diesem Fortschreiten die Positionierung neuer zentraler Themen, die Raum für die Konstruktion neuer Modelle der Kooperation, des Selbstbildes und des künstlerischen Auslebens eröffnen. In Bezug darauf kann 12/21 unter anderem als eine Art Trotzprojekt verstanden werden, dass sich den Einschränkungen des künstlerischen Daseins und des öffentlichen künstlerischen Lebens symbolisch entgegensetzt. Es zeigt, dass auch aus Krisenzeiten etwas Neuartiges entspringen kann. Unverkennbar steht damit auch die Thematik rund um die Relevanz von Kunst und Kultur für eine Gesellschaft im Raum.

 „Wir Menschen brauchen Kunst und Kultur um nicht in vollkommene Belanglosigkeit abzudriften.“ so Ava Amira Weis

Kunst und Kultur schaffen die Basis für das menschliche Sein und Erfahren außerhalb des eigenen Körpers. Durch die Hürden der Pandemie, sind Ava und die kooperierenden Künstler*innen mit stetig neuen Anforderungen konfrontiert, die einen Zustand der stetigen Ungewissheit erschaffen. Ava konnte sich in der Vergangenheit bereits ein Stück weit in diesem Zustand einrichten und lernte den Wandel als produktiven Prozess zu lieben. Diese Entwicklung ändert nichts daran, dass die Lebenssituationen vieler Künstler*innen nach wie vor prekär sind.

Im Interview | Foto von Wolf Sondermann

Aber auch das Aufkommen der Debatte rund um Solidarität beeinflusst das Projekt und Avas künstlerisches Dasein fortwährend. Die Debatte rückte in den vergangenen Monaten immer weiter in den Kern der Kunst- und Kulturszene und ermöglichte die Gründung neuer Institutionen wie etwa des „EinTopf e.V.“ – einem solidarischen selbstverwalteten Fond für Kunst- und Kulturschaffende in finanzieller Not. Kunst- und Kulturschaffende begannen sich durch die losgetretene Selbstorganisation dem Ziel der größeren Selbstbestimmung und Losgelöstheit von politischen Entscheidungsträger*innen zu lösen. Ava hofft auf eine fortwährende Beständigkeit dieses Solidaritätsbegriffs in der Kunst und Kulturszene. Doch ist zu warnen vor blinder Euphorie, denn auch die destruktiven Muster der Szene müssen verändert werden. Ava arbeitet mit ihrem Tun aktiv daran, diese Muster aufzudecken und zu benennen. Doch hier ist ebenso die anhaltende Reflexion der eigenen Umstände Kulturschaffender und daraus resultierende Handlungen der tatsächlichen Solidarität vonnöten. Ganz akut wird dieses Unterfangen im aktiven Hinterfragen der eigenen Privilegien, Abtreten von Zuständigkeiten und Umverteilung von Sprechzeiten an Kulturschaffende, die strukturell benachteiligt werden. Ava ist der Überzeugung, dass erst von tatsächlicher Solidarität gesprochen werden kann, wenn diese Prozesse fortwährend in das künstlerische und gesellschaftliche Dasein implementiert wurden. Gerade der Kunst- und Kulturszene obliegt es, sich kreativ und künstlerisch mit den sozialisierten Machtstrukturen auseinanderzusetzen, sie zu hinterfragen und somit in den Fokus gesellschaftlichen Lebens zu rücken. Um diese grundlegenden Themen stetig voranzutreiben ist es unerlässlich, dass die Debatte um Solidarität stetig fortschreitet und nicht immer wieder an dessen Wurzel begonnen werden muss. Ansonsten ist der Blick über die Basis der Debatte hinaus nicht möglich. 12/21 ist Avas ganz eigener Versuch solidarische Modelle in künstlerisches Schaffen einzubetten.

Das Projekt kann als Lichtblick einer Zeit verstanden werden, in der Kunst- und Kulturschaffende nur wenig Anlass zur Freude haben. Es kann aber ebenso als empowerndes Projekt verstanden werden, in dem Ava und einundzwanzig weitere Kunstschaffende sich der trübseligen Situation der Branche gegenüberstellen und ihrem kreativen Schaffen einen eigenen Raum eröffnen. Wir freuen uns auf die Veranstaltungen im Quartier und hoffen auf eine baldige Möglichkeit der Eröffnung von Kunst- und Kulturorten mit funktionierenden Hygienemaßnahmen. Falls du mehr über das Projekt erfahren möchtest, oder das Projekt finanziell unterstützen möchtest, dann schau doch hier auf den Social Media Kanälen [Instagram], der Homepage oder unterstütze das Projekt finanziell via PayPal (Spende an: avaamiraweis@gmail.com).

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