Wolrad Specht und der letzte Teppich | Zu Besuch

Die heutige Zeit ist von einem allgegenwärtigen Trieb durchdrungen – höher, schneller, weiter und am besten noch ein bisschen mehr. Umso schöner ist es, Kammern der Gegenwart zu finden, in denen dieser Trieb eine sehr viel geringere Macht ausübt – wo die Zeit noch ein wenig anders vergeht. Eine solche Kammer ist die Wiesenstraße 90a. Ein backsteinernes, viereckiges Kutscherhaus umgeben von Neubauten. Darin befindet sich das Atelier des Teppichkünstlers Wolrad Specht, der vor wenigen Wochen seinen letzten Teppich fertiggestellt hat. Bevor diese Kammer um Wolrad Specht also verschwindet, wollten wir die Chance nutzen, um noch einmal in seine Vergangenheit zu blicken.

Wolrad Specht trägt ein graues Polohemd und eine dunkelgraue Hose. Er steht in der vorderen linken Hälfte des Bildes. Im Hintergrund ist der Rahmen zu sehen, auf dem er die Teppiche aufspatnnte.
Wolrad Specht in seinem Atelier | Foto von Wolf Sondermann

Doch fangen wir mit dem Ende an. Die letzten Fäden sind bereits gezogen, als wir Wolrad Specht besuchen. Der Teppich, nach einem Entwurf des 1997 verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger, liegt in der ersten Etage seines Ateliers und wartet auf baldige Abholung durch die Galerie. Seit knapp einem 3/4 Jahr ist ihm inzwischen schon klar, dass dies sein Letzter sein wird – vor uns liegen 4 Jahre materialisierte Arbeit und unzählige Fäden, die in dieser Zeit durch die Hände Spechts gelaufen sind.

In den vergangenen Jahren viele, viele weitere. Denn Wolrad Specht hat nicht nur Wohnraumteppiche angefertigt. Seit 1990 spezialisierte er sich auf Teppiche, die auf Künstler*innen-Vorlagen basierten. Er übertrug also Kunstwerke mithilfe des Hand-Tufting-Verfahrens auf Textil. Um das in den Kontext zu setzen: für einen 5×5m großen Wohnraumteppich brauchte Specht ca. 2–4 Wochen, für einen Künstler*innenteppich in gleicher Größe hingegen 4 Jahre. Warum, mögen sich jetzt die Lai*innen fragen? Künstler*innen-Vorlagen sind wesentlich detaillierter und erfordern daher konzentriertere Arbeit als Wohnraumteppiche. Nicht selten ist die Hand-Tufting-Pistole zu grob und Specht muss die einzelnen Fäden mit der Scherenspitze in das Geflecht einarbeiten. Ergebnis dessen sind filigrane Werke, die z. B. Schriftzüge und fast fotorealistische Bilder in Gewebe verfestigen. Aufgrund der begrenzten Größe seines Ateliers arbeitete er zeitgleich höchstens an zwei Teppichen, sodass die einzelnen Werke bis zu 5 Jahre Teil seines Ateliers waren. So übertrug er jahrzehntelang Collagen und Ölgemälde mit Fäden auf Teppiche. Darunter Werke von Künstler*innen wie Albert Oehlen, Thomas Bayerle und Stefan Szcesny. Bis zum heutigen Tag ca. 20–30 Stück – so genau weiß er das nicht mehr.

Die enorme Zeitspanne von dem Entwurf auf Papier bis hin zur Fertigstellung des Teppichs überträgt sich selbstverständlich auf die Kosten der Werke von Specht. Die Käufer*innen der Werke waren dementsprechend renommierte Künstler*innen und Galerist*innen. So fertigte Specht, neben zahlreichen Werken für Albert Oehlen, einen Teppich für den Verleger und Kunstsammler Benedikt Taschen. Wie Specht im Stern entdeckte, liegt der Teppich heute im Chemosphere House in Los Angeles. Er fertigte darüber hinaus einen Teppich für die Botschaft von Gabun in Berlin an und auch Jeff Koons hat eines seiner Werke auf seinem Boden liegen. Letzteres erfuhr er übrigens nur, weil seine Schwiegermutter die Cosmopolitan las und zufällig ein Hochzeitsfoto von Koons und seiner Frau Ilona Staller sah, in dem sie auf dem Teppich posierten. Reich ist er, trotz seiner bekannten Käufer*innen und den teuren Endprodukten, nie damit geworden. Dafür fehlte ihm das kaufmännische Talent, dessen Lücke er allerdings mit Leidenschaft und Können füllte.

Aber wie wird man überhaupt Teppichkünstler*in? Wolrad Specht machte eine Ausbildung zum Wollstoffmacher und nahm anschließend ein Studium des Textildesigns bei Rudolf Schoofs an der Werkkunst-Schule in Wuppertal auf. Sein handwerkliches Geschick ermöglichte es Specht, einen Tufting-Arbeitsplatz in der Werkkunstschule einzurichten, an dem Studierende die Möglichkeit bekommen sollten, ihre Entwürfe auch praktisch umzusetzen. Hier entstanden seine ersten Teppiche und Entwürfe. Sein eigener Stil inspirierte seinen Lehrer Gerwald Kafka und seine Frau zu einer Zusammenarbeit und so arbeitete er von 1973 bis 1990 gemeinsam mit Frauke Kafka. Sie kümmerte sich um die Entwürfe und die Bürotätigkeiten, Specht um das Handwerkliche. 1990 trennten sich die Wege der Beiden dann. Als er 1982 in der Lederstraße wohnhaft wurde, sehnte er sich nach einem Arbeitsplatz, der in Nähe zu seinem Wohnort liegt. Er wurde auf das leerstehende, ehemalige Kutscherhaus aufmerksam und bezog es 1990. Von hier aus arbeitete er die letzten 32 Jahre Tag für Tag.

Und das wohlgemerkt mit Ausrüstung, die schon so einiges gesehen hat. Der Rahmen, auf dem die Teppiche aufgespannt werden und die davor liegenden Bohlen, auf denen er stand, während er arbeitete, sind bereits seit 1973 in seinem Besitz. Seitdem Spechts Beine in den letzten Jahren nicht mehr so gut mitmachten, baute er sich eine Apparatur, die es ihm ermöglichte, im Sitzen zu arbeiten. Bretter auf Skateboardrollen, ein paar Plastikbehältnisse und Kugellager – fertig ist der rollbare Sitz. Damit ihm bei der Arbeit auf Dauer nicht langweilig wurde, installierte er sich außerdem einen Fernseher auf den Bohlen. Bei der Arbeit schaute er gerne Sport und von Zeit zu Zeit auch nicht allein. Manchmal besuchte ihn eines der benachbarten Pärchen und leistete ihm Gesellschaft. Im Gegenzug öffnete Specht seine Ohren, wenn es in der Beziehung der Nachbar*innen mal nicht allzu gut lief. Diese etwas andere Nachbarschaftshilfe zieht sich durch die Erzählungen Spechts. Er war nicht nur Beziehungsretter und derjenige mit dem offenen Ohr, sondern auch der, der sich um die Probleme der Kinder kümmerte, die den Innenhof als Spielplatz nutzen. In den vergangenen Jahren war es daher fast Alltag, dass Specht mit den „Blagen“, wie er sie liebevoll nennt, in Kontakt tritt und ihnen wo nur möglich hilft – sei es nur eine abgesprungene Fahrradkette oder ein platter Fußball. Die Utensilien dafür sammelte Specht auf dem örtlichen Sperrmüll und verlieh somit nicht nur Gegenständen ein weiteres Leben, sondern zeichnete mehreren Generationen von Kindern aus der Nachbarschaft ein Lächeln ins Gesicht.

Die Arbeiten von Specht sind schlussendlich von all dem gekennzeichnet – so vielfältig wie seine alltäglichen Begegnungen und die Arbeiten der Künstler*innen, die ihn beauftragten. Ihn begeisterte daran zumeist die technische Herangehensweise, die er entwickeln musste, um die Elemente der Vorlagen zu realisieren. Einzelne Pinselstriche oder die Körnung von Fotos werden in der Übertragung auf das Gewebe zum zeitintensiven Ziehen von vielschichtigen Linien – Faden für Faden, Öse für Öse. Und trotz der intensiven Arbeit werden seine Werke letztendlich wortwörtlich mit Füßen getreten – daran muss man sich als Teppichkünstler*in wohl gewöhnen. Specht macht es, laut eigener Aussage, auf jeden Fall nichts aus. Auch, dass ein Hund sich in der Vergangenheit auf einem seiner Werke erleichterte, nahm er mit Humor und schlug vor, die bleibenden Flecken als Erweiterung des künstlerischen Schaffensprozesses zu interpretieren.

Ein Zeitungsausschnitt der ein Hochzeitsfoto von Jeff Coons und Ilona Staller zeigt. Sie sitzt vor ihm auf einem Sessel. Sie stehen beide auf einem Teppich von Wolrad Specht.
Hochzeitsfoto von Jeff Coons und Ilona Staller samt Teppich von Wolrad Specht in der Cosmopolitan | Foto von Wolf Sondermann

Es versteht sich wohl, dass diese 30 Jahre nicht ohne weiteres über den Haufen geworfen werden können. Bevor Specht also das Atelier hinter sich lassen wird, stehen noch einige Wochen der Entrümpelung und des Aussortierens vor ihm. Auch eine*n eventuelle*n Nachfolger*in, der*die ggf. seine Arbeitsutensilien übernehmen könnte, ist bis dato noch nicht gefunden. Doch in Zeiten von allgegenwärtiger Beschleunigung, in der alles online verfügbar ist und über Nacht vor der Haustür steht, ist die Arbeit von Wolrad Specht ein Relikt der Vergangenheit. Und gerade deswegen ist ein solcher Prozess, der von so zeitintensiver Arbeit zehrt, in der heutigen Zeit so wichtig und besonders. Wir sind wirklich sehr froh ihn und seine Arbeit kennengelernt haben zu dürfen und die Möglichkeit hatten, seinen Erzählungen zu lauschen. Wir wünschen einen guten Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt!

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