Combine Yourself | Ein Mitmachprojekt auf der Suche nach Identität(en)

Schon der Schneider Wenzel Strapinski wusste: Kleider machen Leute. In der Realität machen Kleider Menschen aber recht selten zu polnischen Gräf*innen oder vermögenden Schneider*innen, wie es in dem gleichnamigen Werk Gottfried Kellers geschieht. Sie schaffen vielmehr ein Abbild unseres Selbst und komplementieren es. Mit dieser Gegebenheit arbeitet auch das neue Mitmachprojekt »Combine Yourself« des Instituts für Inszenierung. An zwei Wochenenden veranstalten die Kunstschaffenden in der Hebebühne eine Kleidertauschaktion, im Rahmen derer Besucher*innen die Möglichkeit bekommen, sich mit ihren neusten Errungenschaften porträtieren zu lassen. Wir haben uns mit den Initiator*innen getroffen, um mehr über ihre Idee, das Konzept und die gesammelten Eindrücke zu erfahren.

Sabine Reibeholz und Marc von Reth posieren am Set | Foto von Wolf Sondermann

Das Institut für Inszenierung besteht aus den Kunst- und Kulturschaffenden Sabine Reibeholz und Marc von Reth. Als Duo erschaffen sie interaktive Installationen, die erst durch die Aktion oder das Dasein des*der Betrachter*in komplettiert werden. Dabei ist ihre Arbeit von der Suche nach Abenteuerspielplätzen der Kunst angetrieben. Einen solchen Ort fanden Sabine und Marc in der Hebebühne. Eine ehemalige Tankstelle im Quartier Mirke, die seit geraumer Zeit zu einer vielseitigen Kunststätte umfunktioniert wurde.

Aber was heißt es überhaupt, sich selbst zu kombinieren?
Das Projekt basiert auf der grundlegenden Annahme, dass jegliche menschliche Handlung immer auch einen Akt der Herstellung der eigenen Identität darstellt. Das impliziert, dass Identität keine festgeschriebene Größe im Hinterkopf eines Menschen ist, sondern vielmehr ein Sammelsurium variabler Komponenten. Auch Kleidung spielt in diesem Sinne eine ganz essenzielle Rolle. Wir alle kennen das wohlige Gefühl, in den Lieblingsklamotten unterwegs zu sein. Mindestens genauso gut kennen wir die Tage, an denen mensch sich in der eigenen Haut nicht wohlfühlt und in den Schlafanzug flüchtet. Kleidung schafft also Wohlbefinden, wirkt sich auf unsere Emotionen aus, beeinflusst unsere Wahrnehmung und unser wahrgenommen werden. Kleider machen also tatsächlich Leute. Marc und Sabine stellen sich auf Basis dieser Erkenntnis die Frage: Was passiert eigentlich, wenn mensch sich in einem geschützten Raum in einer bunt zusammengestellten Kleidersammlung austoben kann und sich anschließend in ausgewählten Stücken porträtieren lässt. Wirkt sich das Tragen von z.B. glitzernden Stiefeln auf die eigene Wahrnehmung aus? Oder gar auf die Art und Weise wie dritte uns wahrnehmen? Die beiden setzen ihre Idee in die Tat um. An zwei auserkorenen Wochenenden im Oktober bekommen Besucher*innen die Möglichkeit ausgewählte Stücke gegen andere einzutauschen und sich mit den neuen Lieblingsstücken porträtieren zu lassen. Die drapierten Kleidungsstücke erinnern an die Papierkleidungsstücke der Papierpüppchen, die einige aus der Kindheit kennen werden. Egal ob Klamotten zu groß, zu klein, zu viel oder zu wenig sind. Die Perspektive ermöglicht es jegliches Kleidungsstück passend zu machen.

Aufbau des Sets in der ehemaligen Werkhalle | Foto von Wolf Sondermann

Sabine und Marc inspiriert das Ergebnis der Aktion. Die Bilder halten die Reaktionen und Emotionen der Besucher*innen fest und zeigen exemplarisch, wie fluide Identität mit dem Wechsel von Kleidung werden kann. Insbesondere aber fasziniert sie der Akt der Grenzüberschreitung, der die Besucher*innen im Rahmen der Aktion zustimmen. Zum einen lassen sie sich betrachten und in einem Moment verewigen. Zum anderen tun sie dies in Kleidung, die vielleicht nicht dem eigens geschaffenen alltäglichen „Schutzanzug“ gleicht. Diese persönlichen und einvernehmlichen Grenzüberschreitungen werden in den Fotografien festgehalten und somit sichtbar. Die ausgedruckten Fotos werden dann im Laufe der Veranstaltung im vorderen Raum der Hebebühne gesammelt und ausgestellt. Der Raum wird im Laufe des Projektzeitraumes so zu einer stichprobenartigen Versammlung von diversen Identitäten der Wuppertaler*innen und Quartiersbewohner*innen. Ein zweites Exemplar ihres Bildes können die Besucher*innen nach der Aktion mit nach Hause nehmen. 

Aber warum findet diese Aktion in der Hebebühne statt? Das Institut für Inszenierung ist seit zwei Jahren im Wuppertaler Osten in Oberbarmen verortet. Als die beiden Kunstschaffenden frisch in Wuppertal ankamen, vernetzten sie sich bereits mit zahlreichen Kunst- und Kulturorten mit der Ambition, zukünftige Kooperationen zu realisieren. In diesem Rahmen lernten sie auch die Hebebühne kennen, besuchten ein erstes offenes Treffen, stellten ihr Konzept vor und wurden bei der Umsetzung unterstützt. So erfuhren Sabine und Marc auch vom Quartierfonds, durch den das Projekt letztendlich auch realisiert werden konnte.

Sammlung der bisherigen Fotografien im vorderen Raum der Hebebühne | Foto von Wolf Sondermann

»Combine Yourself« ist eine Einladung. Eine Einladung, sich selbst zeitweilig neu zu erfinden und die daraus entstandenen Eindrücke als Teil des erweiterten Selbst zu verstehen. Der Aufruf, sich selbst zu kombinieren, wird somit zu einem Plädoyer für die Fluidität und Diversität der eigenen Identität. Wer ich bin, ist weder von außen noch von innen festgeschrieben und das ist gut so. Falls auch ihr Teil der Veranstaltung werden wollt, so bekommt ihr am kommenden Wochenende (16. und 17. Oktober 2021 | 15-18 Uhr in der Hebebühne) noch einmal die Möglichkeit dazu. Außerdem findet ihr hier mehr Infos zur Arbeit des Instituts für Inszenierung [HomepageInstagram] und der Hebebühne [Homepage | Facebook | Instagram].

 

 

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