Ein Blick über das Quartier hinaus | BOB Lab im BOB Campus

Heute ist ein etwas anderer Tag. Ich steige im Quartier Mirke auf mein Fahrrad und pedaliere Richtung Nordbahntrasse. Auf der Nordbahntrasse angekommen lasse ich mich vom Wind gen Osten tragen. Durch die Dunkelheit der zahlreichen Tunnel, über Viadukte mit spektakulärer Panoramaussicht endet mein Weg kurz vor dem bergischen Plateau. An einem Spielplatz verlasse ich die Nordbahntrasse und erreiche mein Ziel. Nach wenigen Minuten des Wartens trifft auch Wolf ein und wir betreten gemeinsam ein saniertes Ladenlokal. Der Boden ist überzogen mit alten, hölzernen Dielen und ein großer Konferenztisch steht in der Mitte des ehemaligen Ladenlokals. Es ist das Projektbüro des „BOB Campus“. Wir treffen auf Gaby Schulten, die uns an diesem Tag in den Wuppertaler Stadtteil Oberbarmen eingeladen hat. Als stadtbekannte engagierte Bürger*in und Quartiersentwickler*in wirkt sie hier im Rahmen der Etablierung von urbaner Produktion mit. Neben Gaby begrüßt uns auch Johanna Debik, die Projektleiter*in und Geschäftsführer*in der „Urbane Nachbarschaft BOB gGmbH“. Nach einer einsteigenden Vorstellungsrunde verlassen wir das Projektbüro und machen uns auf den kurzen Weg auf den sogenannten „BOB Campus“.

Der Blick von den neuen Produktionshallen auf die historischen Shedhallen auf dem BOB Campus | Foto von Wolf Sondermann

Direkt auf der gegenüberliegenden Seite der Wichlinghauser Straße befindet sich der Eingang zum „BOB Campus„. Hier wurden in den vergangenen 150 Jahren Textilien „made in Wuppertal“ produziert. Nachdem die Firma „Bünger Textilien“ 2012 auf Grund des Strukturwandels die Produktion einstellen musste, blieb die Zukunft des Gebäudekomplexes ungewiss. Nach Jahren des Leerstandes und Zwischennutzungen von Kreativen und Künstler*innen, nahm sich Anfang 2017 die Montag Stiftung Urbane Räume den alten Hallen an. In Kooperation mit Wuppertaler*innen, Anwohner*innen, der benachbarten Max-Planck-Realschule, der Stadt Wuppertal und weiteren Wuppertaler Initiativen erarbeitete die Montag Stiftung ein umfangreiches, enorm vielfältiges und wirtschaftlich tragendes Nutzungskonzept, das die Hallen nach der Sanierung mit neuem Leben füllen wird. Dafür wurde die gemeinnützige „Urbane Nachbarschaft BOB gGmbH“ gegründet. Im Zuge dieser Fortschritte erhielt die Gesellschaft das Erbbaurecht der Familie Bünger für große Teile der 9500qm großen Grundfläche, ein kleinerer Grundstücksanteil sowie die Immobilien wurden durch die Gesellschaft gekauft. Nach der Instandsetzung sollen durch die Nutzungen Überschüsse erwirtschaftet werden, die dauerhaft für gemeinnützige Aktivitäten auf dem Campus und im Quartier zur Verfügung stehen.

Johanna und Gaby führen uns über einen Trampelpfad zu den stillgelegten Produktionshallen | Foto von Wolf Sondermann

Auf einem kleinen Trampelpfad führt uns Johanna hinauf zu den ehemaligen Produktionshallen und beginnt mit ihrer Führung. Auf den Grünflächen vor dem BOB Campus wird in Zukunft in Koopertaion mit der Stadt Wuppertal ein Nachbarschaftspark errichtet. Anwohner*innen und Initiativen bekommen hier die Möglichkeit Gartenflächen für die Nachbarschaft zu bewirtschaften, Wuppertaler*innen die Natur und dessen Potential näher zu bringen und im Grünen zu entspannen. Daran angebunden ist eine mobile Quartiersküche in der die Oberbarmer*innen und Wichlinghauser*innen in Zukunft das zuvor Geerntete zubereiten und verköstigen können. Eine kleine grüne Wohlfühloase mitten im dicht bebauten Stadtteil. Außerdem wird im Rahmen der Sanierungsarbeiten ein direkter Trassenaufgang von der Wichlinghauser Straße aus entstehen, der unter anderem auch den BOB Campus mit der Nordbahntrasse verbindet.

„1000 Quadratmeter zum spielen!“ sagt Johanne Debik lächelnd, als wir gemeinsam durch die zukünftige Nachbarschaftsetage streifen.

In der Nachbarschaftsetage angekommen, müssen sich unsere Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen | Foto von Wolf Sondermann

Unser Weg führt uns weiter durch die zukünftigen Campusgärten hinein in die neuere der beiden Fabrikhallen. Nachdem wir in Dunkelheit eintauchen und die Augen sich an das Schwarz gewöhnt haben, finden wir uns in einer 1000qm großen leerstehenden Halle wieder. Durchzogen von starren Betonsäulen tritt durch die alten Fabrikfenster am anderen Ende der Halle Licht in den Raum. Als Johanna anfängt zu sprechen, hallt ihre Stimme durch den Raum. Wir befinden uns in Mitten der zukünftigen Nachbarschaftsetage. Hier entsteht Raum für nachbarschaftliche Begegnung und Projekte aus dem Quartier für das Quartier. Projekte die hier realisiert werden und einen Mehrwert für die Nachbarschaft und das Quartier mit sich bringen, müssen allein die Nebenkosten für den Zeitraum der Nutzung tragen. Der Rest der versteckten Kosten wird durch die Nutzung der anderen Räumlichkeiten querfinanziert. Damit entsteht die Möglichkeit, dass die Räumlichkeiten von Nachbar*innen genutzt werden könnten, die sich den Raum auf Grund der Miete eigentlich nicht leisten könnten.

Ein kleiner Einblick in die Produktionsetage, in der auch das BOB Lab stattfinden wird | Foto von Wolf Sondermann

Nachdem wir am anderen Ende der Halle angekommen sind, führen Johanna und Gaby uns in die darüberliegende zukünftige Produktionsetage. Im Gegensatz zur Nachbarschaftsetage scheint hier bereits etwas zu passieren. Hier wird in naher Zukunft (23.09-28.09.2019) das sogenannte „BOB Lab“ stattfinden bevor der Gebäudekomplex saniert wird. Eine Woche lang finden dann über 40 Workshops auf den 1000qm statt die sich rund um die Thematik „Urbane Produktion“ drehen. Statt Produktions- und Lebensraum strikt voneinander zu trennen, verbindet Urbane Produktion die Verarbeitung von Gütern mit dem städtischen Raum und wertet diesen somit auf. Natürlich ist diese Art und Weise der Produktion nicht für alle Industrien denkbar, jedoch entwickeln sich in der nahen Vergangenheit immer mehr Technologien die auch im begrenzten urbanen Raum menschenfreundlich produzieren können. So werden im Rahmen des BOB Labs zum Beispiel, Näh-, Lasercutter und Siebdruckworkshops angeboten, bei denen die Teilnehmer*innen selbst etwas produzieren und sich ausprobieren können. Die produzierten Güter werden am abschließenden Samstag, dem 28.09.2019 der Öffentlichkeit präsentiert. Rund um die Workshops finden außerdem Vorträge statt, die exemplarisch aufzeigen wie urbane Produktion aussehen kann und welche Schritte eingeleitet werden müssen um dessen Entwicklung zu ermöglichen. Das BOB Lab fungiert damit als Leuchtturm Projekt, dass die Wuppertaler*innen und Quartiersbewohner*innen neugierig machen soll und aufzeigt was hier nach der Sanierung möglich sein wird. Das Ganze soll kein Akt der Gentrifizierung darstellen, wie es in Berliner Stadtteilen inzwischen Alltag ist. Vielmehr geht es um Qualifizierung und die gemeinsame Schaffung von Möglichkeiten für die Quartiersbewohner*innen, betont Johanna. Quartiersbewohner*innen können sich hier in Aktivitäten ausprobieren und experimentieren – im Osten Wuppertals bekommt man eher selten die Möglichkeit dazu. Auf Grund der enormen Diversität im Quartier Wichlinghausen und Oberbarmen werden die einzelnen Veranstaltungen, die im Rahmen des BOB Labs stattfinden, bei Bedarf von Dolmetscher*innen in zahlreiche Sprachen übersetzt. Gaby und Johanna machen mit ihren Aussagen deutlich, dass das BOB keine gentrifizierte Insel der Glückseligkeit sein wird. Auch wenn externer Input unerlässlich ist, so ist auch die Unterstützung und das Mitwirken des Quartiers essentiell.

1000qm räumlich gestalten? Kein Problem für die Truppe des BOB Campus | Foto von Wolf Sondermann

Für die Workshopwoche haben Johanna, Gaby und die anderen kreativen Köpfe gemeinsam mit den Architekt*innen sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Um ein Raumgefüge entstehen zu lassen, das dem Erscheinungsbild nach der Sanierung ähnelt, werden die Räume mit Hilfe von Paletten und Holzkonstruktionen provisorisch errichtet. Als Coworking-Space der urbanen Produktion muss der Raum verschiedensten Ansprüchen gerecht werden. Im Inneren der Halle wird ein großer Kommunikationsraum entstehen. Dieser wird zeitweilig durch ein Holzgestell das mit Polycarbonatplatten verkleidet ist errichtet. Die übrigen Wände werden mit Europaletten erbaut, die von innen mit warmen Lampen Licht in den Raum tragen. Alle verwendeten Baumaterialien werden nach dem BOB Lab zurückgegeben oder einsortiert und in der anliegenden Bauphase verbraucht. Da die zukünftige lichtdurchlässige Fassade und Durchblicke nur schwer symbolisiert werden können, wird provisorisch ein großes Fenster in die Fassade eingebaut. Blickt man durch dies hindurch, schaut man direkt auf die benachbarte Nordbahntrasse und vorbeirauschende Radfahrer*innen.

1000qm Platz für Bildung in der neu entstehenden KiTa und den Kreativräumen der angrenzenden Realschule | Foto von Wolf Sondermann

In der darüber liegenden Etage ist die Aussicht noch besser. Hier wird nach der Sanierung sowohl eine Kindertagesstätte als auch Räumlichkeiten der Max-Planck Realschule ein neues Zuhause finden. Die Etage wird im Rahmen der Etablierung der zwei Institutionen geteilt. Auf dem Dach der Halle wird eine Außenterasse eröffnet, damit die Kinder innerhalb der KiTa auf den Außenflächen spielen können, während sie beaufsichtigt werden. In den entstehenden Kreativräumen und Ateliers können sich die Schüler*innen der benachbarten Realschule verwirklichen und ausprobieren. Damit schafft der BOB Campus eine Verbindung zwischen Schule und zukünftiger Arbeit und eröffnet den Schüler*innen mögliche Perspektiven auf die Arbeitswelt.

Gemeinsam bestaunen wir die historischen Shedhallen | Foto von Wolf Sondermann

Johanna führt uns weiter in die sogenannten „Shedhallen“. Der historische Backsteinkomplex grenzt direkt an die modernere Fabrikhalle an. Die rustikalen Backsteinwände enden in meterhohen Decken die von Metallträgern gehalten werden. Durch große Dachfenster fällt Licht in die historischen Hallen. In den jeweils 200qm großen Hallen wird in Zukunft Platz für Büros, Agenturen und Studios entstehen. Auch nach der Instandsetzung soll der alte Charme der Hallen erhalten bleiben, während sie energetisch auf einen besseren Stand gehoben werden. Als wir durch die Etagen streifen zeigt uns Johanna eine Ecke, in der griechische Gastarbeiter vor Jahrzehnten ihren Ort der Andacht und Ruhe geschaffen haben. Es hängen vergilbte Bilder und Texte an der Wand, darunter steht eine Kerze.

eine Ecke in der griechische Gastarbeiter vor Jahrzehnten ihren Ort der Andacht und Ruhe geschaffen haben | Foto von Wolf Sondermann

Aus dem benachbarten Fenster kann man einen Blick auf die dazugehörigen Wohnhäuser erhaschen. Bevor die Projektgesellschaft anfing das Gelände zu entwickeln wohnten noch zwei ehemalige Arbeitnehmer*innen in den Häusern. Der Rest der Wohnungen stand leer. Als früherer Mitarbeiter*innen der Firma Bünger Textilien überdauerten sie die Insolvenz der Firma. Im Rahmen eines Kunstprojekts der „Mobilen Oase“ wirkten sie bei einer Führung durch die Hallen mit Erfahrungsberichten mit. Inzwischen haben sie dank der Hilfe des BOB eine neue Wohnung im Quartier gefunden. Das war auch zwingend notwendig, denn die Wohnungen befinden sich in einem maroden, unbewohnbaren Zustand. Während der Sanierung sollen hier mit Hilfe von Wohnungsförderung 12 Wohnungen in verschiedenen Größen entstehen. Dadurch werden die Räumlichkeiten auch in Zukunft erschwinglich für Rentner*innen, Familien und Studierende.

Eines der beiden Wohnhäuser auf dem Campusgelände | Foto von Wolf Sondermann

Gemeinsam verlassen wir den Gebäudekomplex und treten durch eine Stahltür zurück in den Sonnenschein. Eine Stunde ist vorbei in der Wolf und Ich das Innere der Fabrikhallen vor der Umbauphase bestaunen durften. Es ist bemerkenswert was das kreative Team gemeinsam mit vielen Akteur*innen rund um den BOB Campus hier entwickelt – ein Raum voller Potential. BOB steht eben nicht nur für „Bünger Oberbarmen“, die Vernetzung von Wohnen, Arbeiten, Nachbarschaft und Bildung oder nachbarschaftliches Engagement. Nein, BOB steht auch für ein Leuchtturmprojekt, dass aufzeigt wieviel Potential im Stadtteil Wichlinghausen und Oberbarmen steckt. Ein Quartier, dass in den vergangenen Jahrzehnten strukturell vernachlässigt wurde und in den Köpfen vieler Wuppertaler*innen als abgekoppelt gilt – festgebissen in den Köpfen. Das BOB schafft einen weiteren Grund dieses Vorurteil fallen zu lassen und den Blick gen Osten zu richten. Als Quartiersreporter für das Quartier Mirke stellt diese Reise eine gelungene Abwechslung dar, die uns gespannt auf die Entwicklung im Wuppertaler Osten blicken lässt. Hiermit stellt das Quartier Mirke einen dringlichen Reisetip aus, es uns gleich zu tun und das BOB, sowie Wichlinghausen und Oberbarmen im Rahmen des BOB Lab mit eigenen Augen und Füßen zu besuchen.

Reisetip? Teil des BOB Lab werden! | Foto von Wolf Sondermann

Falls dich dieser Artikel neugierig gemacht hat und du tatsächlich den Weg zum BOB Campus antreten möchtest dann findest du hier mehr Infos zum BOB. Wenn du unserem Reisetip nachkommen möchtest und Teil des BOB Lab werden möchtest, dann findest du hier den Flyer der Veranstaltung und das Event auf Facebook (um Anmeldung wird gebeten). Des Weiteren ist der BOB Campus vor kurzem auch auf Instagram vertreten, schau doch mal vorbei und unterstütze das Projekt!

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