Doku-Theater im Hutmacher | Drei Stücke über wahre Geschichten

Drei Abende, drei Monologe, drei Debatten – unter dieser Überschrift stand die Monologe-Reihe, die zwischen Februar und April im Hutmacher gezeigt wurde. Auf die Klima-Monologe folgten die Mittelmeer-Monologe, den Abschluss machten die NSU-Monologe. Drei große Themen, die oft schwer zu greifen sind und bei denen in der öffentlichen Diskussion manchmal verloren geht, was eigentlich in ihrem Zentrum steht: die betroffenen Menschen.

Das Ensemble der NSU-Monologe

Das Doku-Theater von „Wort und Herzschlag“ verknüpft die Themen mit persönlichen Geschichten. Regisseur und Autor Michael Ruf erzählt die Geschichten im Originalwortlaut Betroffener auf der Theaterbühne. Die Inszenierungen sind schlicht, im Zentrum stehen die Erzählungen. Jeweils vier Schauspieler*innen schlüpfen in die Rolle derer, mit denen Ruf lange und ausführliche Interviews geführt hat. Die Gespräche habe er verdichtet und gekürzt, aber nichts hinzugefügt, so Ruf. Die Geschichten sind eindrücklich genug, um für sich zu stehen. Sie erzählen, was die echten Personen durchlebt haben und bringen die Schicksale ganz nah an das Publikum heran. Dabei werden sie musikalisch begleitet, mit Cello, aber auch mal mit Gesang. Diese zusätzliche Ebene schafft eine eindringliche Atmosphäre und verstärkt die Emotionen der Erzählungen, ohne es dramatisch zu weit zu treiben.

Beispielsweise erzählen NSU-Monologe die Geschichten von Elif Kubaşık und Adile Şimşek, deren Ehemänner ermordet wurden sowie von Ismail Yozgat, dessen Sohn Halit in seinem Internetcafé in Kassel erschossen wurde. Sie nehmen uns mit in ihre Leben, erzählen davon wie sie sich kennenlernten, wie ihr Leben bis zu den Taten verlief und wie danach. Sie zeichnen Bilder von den Menschen und ihren Charakteren, die in der Berichterstattung über sie meist nicht zur Sprache kommen. Im Fall der NSU-Monologe zeigen sie aber auch, in wie vielen Facetten sich die Ungerechtigkeit während der Ermittlungen gegenüber den Betroffenen geäußert hat. Wenn die Schauspieler*innen kurz innehalten, breitet sich angespannte Stille im Publikum aus, die Fassungslosigkeit wird spürbar. Die Schilderungen sind so eindrücklich, dass es am Ende schwerfällt, nicht wütend zu sein.

Anschließend gab es bei den Publikumsgesprächen jeweils die Möglichkeit über das Gesehen ins Gespräch zu kommen. Am letzten Abend der Reihe war Stephan Anpalagan zum Thema NSU zu Gast. Er ist Journalist, unter anderem für den Stern, außerdem Buchautor und Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW für die Bereiche Ethik und interkulturelle Kompetenz. Aus seiner Sicht hat es großen Mehrwert Themen wie den NSU in so einer Form zu behandeln: „Die große Stärke liegt darin, dass plötzlich erkennbar wird: Das sind Menschen. Da trauert eine Frau um ihren Mann und Eltern um ihr Kind.“ Es ist nicht nur inhaltlich lehrreich, weil man viele Details aus der Zeit der Ermittlungen erhält. Die Fälle aus den Medien werden zu privaten Schicksalen und da spielt der ethnische oder religiöse Hintergrund keine Rolle mehr.

Stephan Anpalagan ist zu Gast für das anschließende Publikumsgespräch
Stephan Anpalagan ist zu Gast für das anschließende Publikumsgespräch

In seiner Arbeit an der Polizei-Hochschule versucht er die Studierenden genau dafür zu sensibilisieren. Er ist aber auch realistisch, was seinen eigenen Einfluss auf das System angeht: „Was soll ich in meinem halbstündigen Ethikunterricht an der Hochschule machen, damit bewaffnete Polizisten in Uniform durch die Gegend marschieren, keine Faschos sind?“  Deswegen findet er die Idee von David Becher, der alle drei Abende moderierte, sinnvoll: die NSU-Monologe bei der Polizei aufzuführen und das Bewusstsein für die bestehenden Probleme zu schärfen. „Es muss eigentlich mehr in die Herzen der Polizeiarbeit“, meint Anpalagan.

Eine Möglichkeit, die mit dem Konzept der Monologe von „Wort und Herzschlag“ umsetzbar ist. Zentrales Element ist nämlich ein bundesweites Netzwerk von Schauspieler*innen, Musiker*innen und Sänger*innen, die die Stücke grundsätzlich überall auf die Bühne bringen können. Bei jeder Anfrage werden lokale Künstlerinnen eingebunden, wodurch die Produktion mit relativ wenig Aufwand umgesetzt werden kann. So können die Monologe immer wieder neue Orte erreichen – und dafür sorgen, dass die Geschichten der Betroffenen dort gehört werden, wo sie sonst vielleicht überhört bleiben.

Fotos: Kevin Bettelt (@kevin_bertelt)
Text: Tiziana Schönneis (@tilausch)

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