Seit über einem Jahrhundert gehört der viergeschossige Stahlskelettbau mit bleiverglaster Rasterfassade und Mansardendach an der Wiesenstraße fest zum Quartiersbild. 1910 als Fabrikgebäude der Gold-Zack-Werke entstanden, ist das Gebäude mittlerweile als Wiesenwerke bekannt. Hier finden sich heute unter anderem das Bouldercafé Bahnhof Blo, das Bandwebermuseum, das TalTonTheater, die Neue Effizienz, Soulspace, das Wuppertaler Fan-Projekt und die Wiesenwerke. Auch Handwerk findet sich noch an dieser Adresse, vor allem in Nebengebäuden. Bereits seit 1986 ist der Gebäudekomplex denkmalgeschützt und gehörte lange Jahre der Stadt Wuppertal.



2022 dann übernahm die gemeinnützige Projektgesellschaft „Urbane Nachbarschaft Mirke“, hinter der die Montag Stiftung Urbane Räume steckt. Die Stiftung ist unter anderem auch in der Entwicklung des Bob Campus in Heckinghausen involviert. In Kooperation mit der Stadt Wuppertal entstehen hier auf insgesamt 8000 Quadratmetern Grundstücksfläche direkt an der Nordbahntrasse neue Möglichkeitsräume: Für das Quartier und für Gewerbebetriebe. Im Vordergrund stehen dabei Gemeinwohl und Gemeinschaft, Begegnung und Miteinander, gegenseitiges Lernen.

Leonie Altendorf ist hier Gemeinwohlmanagerin und betont: „Bei uns geht es nicht nur um Immobilienentwicklung, sondern vor allem auch um die Quartiersentwicklung.“ Das wiederum könne nur in Zusammenarbeit mit den Initiativen und Menschen aus dem Quartier geschehen. „Wir schauen nach den Bedarfen und erarbeiten Mitgestaltungsmöglichkeiten, aber immer gemeinsam auf Augenhöhe und nicht über die Köpfe hinweg.“ Schließlich leben solche Projekte vor allem durch das Mitmachen. Hierfür steht der Projektraum der Wiesenwerke zur Verfügung: Rund 120 Quadratmeter Fläche, individuell mit Tischen und Stühlen oder anderen Ausgestaltungen anpassbar, der kostenlos für gemeinnützige Projekte genutzt werden kann.

Die Finanzierung ist dabei natürlich ein Thema, denn jedes (kostenlose) Angebot muss auch entsprechend getragen werden. Rund die Hälfte der verfügbaren Fläche ist bereits vermietet. In vielen Fällen sind es Langzeitmietende, einige Neue sind hinzugekommen und noch stehen im zweiten und dritten Obergeschoss größere Einheiten zur Verfügung.
Der Clou dabei ist, dass durch die gemeinnützige Projektgesellschaft kein klassischer Immobilienentwickler am Werk ist. „Unser erklärtes Ziel war und ist es, die Mieten zu halten und das Gebäude trotzdem zu sanieren. Finanziert werden die Wiesenwerke durch Miete und Überschüsse“, erläutert Harth. Die Arbeit an dem denkmalgeschützten Gebäude ist und war entsprechend aufwendig. „Vor allem das Dachgeschoss war vorher nicht genutzt worden und sah auch entsprechend aus“, erinnert sie sich. Vieles musste ausgetauscht und angepasst werden, immer unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes. „Es hat sich gelohnt“, ist sich Altendorf beim Blick auf die neu entstandenen Räume sicher.

„Im Dachgeschoss gibt es eine gesamte Fläche von 1016 Quadratmetern, die beispielsweise auch in 350 und 666 Quadratmeter aufgeteilt werden könnte“, erklärt Silvia Harth, Geschäftsführerin der Projektgesellschaft. Vorstellbar ist dabei einiges, nur Wohnen muss Harth von Anfang an Ausschließen. Lastenaufzüge ermöglichen auch mit schwerem Gepäck einen komfortablen Zugang. In den vergangenen Jahren wurden die Wiesenwerke neu gedämmt und ausgebaut, neue Fenster und eine Wärmepumpenheizung sorgen für eine Reduzierung von 50 Prozent hinsichtlich des Energieaufwandes beim Heizen. Im gesamten Gebäude wurden Sanierungsarbeiten durchgeführt, der Aufwand hat dabei unterschiedliche Ausmaße angenommen. „Im Untergeschoss wurde mit Grundmauersanierung, neuen Bodenplatten, Fußbodenheizung und vielem mehr sehr viel gearbeitet“, erklärt Leonie Altendorf.
Durch die Bauarbeiten konnten auch für die Bestandsmieter teilweise eine bessere Raumaufteilung erhalten. Das TalTonTheater beispielsweise kann nun alles an einem statt an drei Standorten vereinen, was vieles erleichtert. „Schön wäre es natürlich, wenn neue Mieter:innen in unser Gesamtkonzept passen. Denn Teil dessen ist es auch, Synergien untereinander zu schaffen und gemeinsam möglichst viel an diesem Ort zu bewerkstelligen“, sagt Leonie Altendorf.

Was jetzt noch ansteht, ist die Gestaltung des Außengeländes. Derzeit wird zudem noch an einer Grundmauersanierung gearbeitet. Hier entsteht eine direkte Verbindung zur Nordbahntrasse und Wiesenstraße, an der auch Sitzmöglichkeiten und einiges mehr angedockt sein werden. An der Trasse wird zudem ein Stück Brache zugänglich gemacht und grüner Erholungsraum geschaffen. Eine Pflanzaktion mit der Gemeinschaft hat dazu bereits stattgefunden. Ein neuer Quartiersplatz entsteht auf dem Vorplatz. „Es wird viel Grün geben, allerdings ist eine komplette Entsiegelung dieses Platzes nicht umsetzbar“, erläutert Altendorf. Wie genau dieser neu entstehende Raum dann genutzt werden wird, muss sich noch zeigen: Vieles hängt von der Mitarbeit und den Ideen einzelner Akteure aus dem Quartier ab.

Fertig werden soll all dies bis Spätsommer 2026: Am 19. September ist ein großes Viertelsfest geplant, an dem der neu gewonnene Raum gemeinsam mit der Nachbarschaft eingeweiht werden wird. Ideen und Engagement für die Gestaltung des Platzes sowie des Viertelsfestes sind herzlich willkommen.
Fotos: Kevin Bertelt
Text: Julia Nemesheimer
