Zum Nordpol | eine kultige Gaststätte in ungewöhnlichen Zeiten

Vielfalt macht Quartiere lebenswert, und das wohl in jeglicher Hinsicht. Die anhaltende Pandemie bedroht die Vielfalt im Quartier Mirke, denn neben der Kulturbranche, ist auch die lokale Gastronomie stark bedroht. Hinter jeder verschlossenen Tür stecken die Schicksale der Menschen, die die verschlossenen Räume einst lebenswert machten und sie mit Leidenschaft füllten. Rudi Basic – Besitzer der Kultgaststätte „zum Nordpol“ – ist einer dieser Menschen. Wir haben uns auf den langen Weg zum Nordpol begeben und die historische Gaststätte auf der Ecke Nordstraße/Markomannenstraße besucht. Dort angekommen haben wir uns mit Rudi über seine momentane Situation, die Eigenheiten seines Lokals und dessen Geschichte austauschen dürfen. Aber lest selbst!

Rudi Basic in seiner Gaststätte | Foto von Wolf Sondermann

„Zum Nordpol“ ist eine Gaststätte mit Charakter. Alles andere als normschön – aber das will sie auch nicht sein. Als uriger und historischer Ort herrscht eine gemütliche und kultige Atmosphäre im Laden. Er versprüht eine Eigenheit, die nur noch selten zu finden ist. Statt diesen Flair durch einen durchdesignten Raum zu ersetzen, erhalten Rudi und seine Frau den Charme und achten die Historie des Ortes. Daran ändert auch die gerade durchgeführte Sanierung der Kegelbahn nichts.

Momentan hat Rudi aufgrund der anhaltenden Pandemie jedoch nur selten einen Anlass um sich auf Gespräche mit Kund*innen einzulassen – unser Besuch ist einer dieser Anlässe. Als Rudi die Kneipe 1991 gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter übernahm, stand es noch anders um das Quartier. Keine gut besuchte Nordbahntrasse, sondern vielmehr eine brachliegende Bahntrasse schmückte die Nordseite des Quartiers. Nur wenig Besucher*innen verirrten sich in das Quartier nördlich der Hochstraße. Doch auf der Markomannenstraße tummelte sich das Leben. Damals schmückte noch eine wesentlich größere Vielfalt an Gaststätten das Quartier. Rudi war schon immer der Überzeugung, dass Vielfalt das Geschäft belebt. Als Wirt*innen kannte man sich untereinander und freute sich über die Anwesenheit der anderen. Doch der große Wandel der Kneipenszene und eine strukturelle Vernachlässigung des Quartiers hinterließen seine Spuren. Inzwischen ist Rudi einer der letzten Standhaften – 2021 bereits seit 30 Jahren. Damit steht er in der Tradition seiner Gaststätte, denn das Lokal öffnete bereits 1912 unter gleichem Namen seine Türen für durstige und hungrige Wuppertaler*innen. Die Anfangs konservative Gaststätte, die eher gehobene Gäste bediente, wandelte sich über die Jahrzehnte zu einem Ort der offenen Tür. Insbesondere in den letzten Jahren, so berichtet Rudi, ist seine Kundschaft sehr divers geworden. Die ehemalige Knobel-Stammkundschaft trifft hier auf junge Studierende aus den benachbarten Vierteln. Sie verbindet die Liebe für diesen erhaltenswerten Ort und die gutbürgerlichen Gerichte von Rudis Frau. Aber auch Kegeln wieder hier wieder in – der oder die Verlierer*in zahlt die Runde, versteht sich.

Momentan bleiben die Türen der Gaststätte fast durchgehend verschlossen und die gebürtige Feier, anlässlich des 30-Jährigen Bestehens, rückt in unerreichbare Ferne. Die anhaltende Pandemie macht eine Öffnung unter den hiesigen Auswirkungen der Pandemie unmöglich. Auch wenn Rudi und seine Familie von der Gaststätte leben, zweifelten sie kein Stück bevor sie Mitte März ihre Türen schlossen, um den Auswirkungen der ersten Welle der Pandemie zu entgegnen. Nachdem sie wieder öffnen durfte, scheuten sie keine Mühen die Maßnahmen einzuhalten. Eine moderne Spülmaschine und notwendige Umbauarbeiten zur Einhaltung der Hygienemaßstäbe kosteten Teile seines Ersparten. Doch da Rudi neben seiner Gaststätte außerdem eine 50% Stelle in einen anderen Unternehmen bestreitet, kann er die finanziellen Hilfen des Staats nicht in Anspruch nehmen. Ein weiterhin langfristiges Anhalten des momentanen Zustandes würde dementsprechend, Wohl oder Übel, zur Schließung der Traditionsgaststätte führen. Doch dem wollen Rudis Gäst*innen entgegenarbeiten. Sie unterstützen ihn uns seine Frau in diesen Zeiten – auch wenn Rudi das nicht guten Gewissens mit seinem Stolz über einbringen kann, ist er dankbar für die Unterstützung. Der zweite Lockdown verunmöglichte es den beiden ein finanzielles Polster für die kommenden Monate aufzubauen. Leider sind gerade der November und anschließende Dezember, samt Weihnachts- und Betriebsfeiern, besonders wichtig für das Geschäft. Statt Trübsal zu blasen und in Negativität zu versinken, sehen Rudi und seine Frau aber nach Vorne. Sie halten nicht viel von den Querdenker*innen, die die Maßnahmen stetig anzweifeln. Stattdessen vertrauen sie in die Ratschläge der Expert*innen – was bliebe ihnen auch anderes übrig.

die Gaststätte von Außen | Foto von Wolf Sondermann

Aber auch Rudi sieht die Gastronomieszene durch die anhaltenden Maßnahmen und die nur sehr eingeschränkte Hilfe als sehr gefährdet an. Er geht davon aus, dass insbesondere die Vielfalt der Gastronomieszene langfristig unter den Maßnahmen leiden wird und 70% der kleinen Kneipen und Cafés die Krise nur schwer oder gar nicht überleben werden. Dabei sind gerade diese Einrichtungen so wichtig für Stadtteile. Die Gaststätten und Kneipen geben den Quartiersbewohner*innen einen Anreiz der Bewegung. Sie schaffen einen quartierseigene Dynamik und Identität. Insbesondere im Mirker Quartier sind nur noch wenige dieser Orte vorhanden. Gerade deswegen spielen die wenigen kleinen Gaststätten, kulturellen Einrichtungen und Erholungsräume, wie z.B. die Trasse, eine besondere Rolle. Ein Wegsterben dieser Orte wird laut Rudi zu noch weniger Bewegung, und somit zu weniger Durchmischung, in den Quartieren führen. Statt also stetig um zwei Wochen vertröstet zu werden, wünscht Rudi sich einen langfristigen Plan für die Wiedereröffnung seiner Branche. Der stetige Aufschub kostet Kraft, die langsam aber sicher schwindet. Trotz der herben Schicksalsschläge freut er sich auf eine Zeit danach – ihm bliebe ja auch nichts anderes übrig, sagt er. Rudi freut sich auf eine Zeit in der „zum Nordpol“ wieder mit Gäst*innen gefüllt sein wird, Bier aus den Hähnen fließt und laut gelacht werden kann.

Foto von Wolf Sondermann

Wir hoffen inständig, dass die hiesigen Zustände sich zum Guten wenden, Orte wie die Gaststätte „zum Nordpol“ erhalten werden können und das anstehende 30-jährige Jubiläum gebürtig gefeiert werden kann, wenn auch mit Abstand und eingeschränkter Besucherzahl. Die Kegelbahn wird bis dahin auf jeden Fall wieder bespielbar sein. Falls ihr auch mal in den Genuss der Speisen von Rudis Frau gelangen wollt, meldet euch telefonisch im Laden und holt euch eure frischen Speisen einfach ab (Tel: 0202 7259870). Neben dem berühmten Schnitzel sind auch Spezialitäten des Balkans und vegetarische Gerichte auf der Karte zu finden. Auch wenn Rudi nur ungern Werbung macht, freut er sich über Jede*n der*die den Laden z.B. mit dem Erwerb von Gutscheinen unterstützt. Wir freuen uns darauf hoffentlich bald mit einem Bier im Nordpol anstoßen zu können!

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