Vom Schauspieler zum Radiomoderator | Im Interview mit David J. Becher

Die Umstände und Maßnahmen der letzten Wochen haben im Leben vieler Wuppertaler*innen einen Kurswechsel erzwungen. Eingeschränkte Möglichkeiten der Arbeit, ausfallende Kulturveranstaltungen und mangelndes Zusammenkommen führten in Wuppertaler aber auch zu einer Vielzahl von kreativen Maßnahmen, die teilweise wie aus dem Boden gestampft Alternativen aufzeigten. So auch bei dem Kulturschaffenden und längjährigen Bewohner des Quartier Mirke, David J. Becher. Im Rahmen des Ausfalls seiner Tournee entwarf er kurzer Hand seine eigene Radioshow auf dem Kultursender STEW.ONE und unterhielt sich seitdem mit zahlreichen Kolleg*innen aus der Wuppertaler Kunst- und Kulturszene. Wir haben uns gemeinsam mit ihm auf dem Dach der Hebebühne verabredet, die Beine baumeln lassen und über Davids Erfahrungen in den letzten Monaten gesprochen.

David J. Becher | Foto von Wolf Sondermann

David J. Becher, alias der liebe J., lebt seit 2006 im Quartier Mirke. Er selbst bezeichnet sich als Unterhaltungskünstler, steht seit seinem 15. Lebensjahr auf den Bühnen der Bundesrepublik, initiierte bereits seine eigene Talkshow »Das dem der liebe J. sein Wuppertal« und moderiert talweit Veranstaltungsformate. Als er im Rahmen seines ersten Auftritts mit 15 Jahren im Wuppertaler Opernhaus Oliver Twist verkörperte, stellte er fest danach nicht als professioneller Schauspieler auf der Bühne stehen zu wollen. Im Rahmen seiner langjährigen Zeit bei der Wuppertaler Kulttruppe des Vollplaypacktheaters (VPT) ist ihm das wohl nicht gelungen. Wenn er nicht gerade für die nächste Tournee probt oder im Torbus durch das Land fährt, ist er als Vorstandsvorsitzender des »Utopiastadt Förderverein e. V.« aktiv.

Das Vollplaybacktheater macht seinem Namen alle Ehre. Im Gegensatz zu einem Schauspiel, in dem sich die Akteure sowohl mit Körper als auch mit Stimme ausdrücken, agieren und bewegen sich die Schausteller*innen des VPT zu Ton vom Band. Die Truppe collagiert das gesprochene Wort der Popkultur ihrer Jugendjahre in den 80ern und schafft damit Platz für einen Zeitgeist – irgendwo zwischen Sherlock Holmes, den drei Fragezeichen, Star Wars und John Sinclair. David ist seit Anbeginn des Vollplaybacktheaters 1997 ein fester Bestandteil des Vorhabens. Als er nach dem Abitur gefragt wurde, ob er nicht Teil dreier Vorstellungen werden wollte, war ihm wohl nicht klar, dass er dies auch 23 Jahre später noch mit großer Leidenschaft und Freude tun wird. Inzwischen tourt das VPT jährlich und klappert zwischen 40 und 60 Termine pro Jahr ab.

Im Interview mit David J. Becher | Foto von Wolf Sondermann

So eigentlich auch in diesem Jahr. Als er Ende Februar, nach einer stressigen Zeit der Proben und Produktion, im Rahmen der neuen Show in den Tourbus stieg, war wohl noch nicht abzusehen, dass die Tour knapp zwei Wochen später bereits vorläufig enden wird. Also rein ins Tourleben. Ein ständiges auf der Reise sein, nie dort aufwachen, wo man eingeschlafen ist, das Leben mit den Schauspielerkolleg*innen auf engstem Raum – ein vogelfreies Dasein an dem die Realität ein Stück weit vorbeizieht. Als am 11. März allerdings eine Show noch während des Aufbaus der Bühne abgebrochen wurde, holt die Realität den Nightliner des VPT ein. Zwei Tage später kam der Bus in Wuppertal an, die Tour galt als vorläufig pausiert, und bereits wenige Stunden später fand David sich in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender in einer Sitzung zur anstehenden vorläufigen Schließung Utopiastadts wieder – eine Vollbremsung aus dem Tourleben in den Organisationsstab einer Krisensituation. Darauf folgten Wochen des Aktionismus und erst jetzt findet er sich laut eigener Aussage in einer Situation wieder in der er runterkommen und reflektieren kann. Mental steckt er allerdings nach wie vor in einer nicht enden wollenden Tourpause.

„In den Tourpausen hatte ich eh vor hartes Social Distancing zu betreiben. Es tut mir ein bisschen leid, dass ein weltweiter Trend draus geworden ist. Das hab ich so nicht gewollt!“ so David J. Becher im Interview.

David ist ein Liebhaber gesprochener Worte und nur selten findet man ihn in Situationen wieder, in denen er keine charmante Antwort parat hält. Mit 11 Jahren saß er stundenlang vor dem Radio, hörte dem Geschehen zu und wünschte sich einmal ein Radiomoderator zu werden. Durch das VPT kam alles anders als geplant und David folgte vielmehr seiner momentanen Lust als einer stringenten Planung. Doch im Rahmen der momentanen Gegebenheiten und der damit einhergehenden Unmöglichkeit auf Bühnen zu stehen, lässt David seinen ehemaligen Berufswunsch wieder aufleben. Er packt die Gelegenheit beim Schopf, wird Teil der laufenden Konzipierung des Kultureintopfes »STEW.ONE« und beginnt am 21. März mit seinem neuen Format »Dem der liebe J. sein Morgengruß«. Pünktlich um 12 Uhr moderiert David hier fünfzig Tage am Stück eine Stunde lang seine eigene Morgenshow. Ganz ohne Team, ohne Redaktion dafür mit wechselnden Gäst*innen, hauptsächlich aus der Wuppertaler Kunst- und Kulturszene. Mit dabei sind z. B. die Musikerinnen Maria Basel und Ute Völker, die Künstler*innen Ava Amira Weis und Frank N., aber auch Schauspielintendant Thomas Braus und Oberbürgermeister Andreas Mucke. Inzwischen hat er den Turnus der Sendung auf zwei wöchentliche Ausgaben heruntergeschraubt – jeden Mittwoch Abend und Sonntag Morgen.

Im Interview mit David J. Becher | Foto von Wolf Sondermann

„Entschleunigt? Voll nicht!“ so David J. Becher

David selbst bezeichnet sein akutes Vorgehen zu besagter Zeit als blinden Aktionismus, aber was hat das mit seinem Künstlerdasein angestellt?
Viele der Menschen in Deutschland, die im Rahmen der herrschenden Maßnahmen nicht um ihren finanziellen Bankrott oder ihre Gesundheit fürchten mussten, bezeichnen das »Social Distancing« unter anderem als eine Zeit der Besinnung und Entschleunigung. Bei David und vielen weiteren Kulturschaffenden lief das eher anders. Die Maßnahmen schufen im Rahmen der Kunst- und Kulturszene einen Raum der vorher nicht da gewesen ist. Darin eröffnen sich sowohl neue Möglichkeiten der Vernetzung und künstlerischen Arbeit, aber ebenso Problematiken der Finanzierung von Lebensunterhalten. Die Wuppertaler Szene tritt solidarisch an diesen Raum heran und füllt ihn mit kreativen Lösungen – die Resultate davon sind z. B. der Kultur-Nothilfetopf »EinTopf«, Plattformen wie »STEW.ONE« oder »LOCHfunk« und eine Vielzahl neuartiger Formate wie »Dem der liebe J. sein Morgengruß«. David gelangt deswegen erst jetzt an einen Punkt, an dem er die letzten Wochen Revue passieren lassen kann und einen Schluss für sein künstlerisches Dasein entwickelt. Während organisatorische Fragen in der Gesellschaft gerade allgegenwärtig sind vermisst David die künstlerischen Fragen, die sich mit der Lebensrealität der Kulturschaffenden selbst beschäftigen. Was passiert mit aufgeschobenen Kulturveranstaltungen? Kann die Tour im Herbst wirklich stattfinden und bin ich bereit das Risiko einzugehen mich auf etwas vorzubereiten, das nicht stattfinden werden kann?
All dies sind Fragen, die in momentaner Situation geklärt werden müssen, deren Auswirkungen allerdings von fortlaufenden Prozessen in der Zukunft erst wirksam werden.

David hat nie akribisch eine Karriere verfolgt, sondern vielmehr das angenommen, was ihm über den Weg lief. Die Bühne stellte dafür stets einen Ankerpunkt dar, an dem er sich sicher fühlen konnte. Das Verdienen von Geld war dabei stets ein Nebeneffekt seines Tuns. Inzwischen aber findet er sich in einer Situation wieder, die die Relevanz des finanziellen Nebeneffekts vorrangiger werden lässt – ein zurückgeworfen werden auf Erwerbsarbeit. Das weckt in David ein Gefühl von Beschneidung seiner Wirksamkeit, lässt ihn aber auch seiner bisherigen Privilegien bewusst werden. Der Zustand der letzten Wochen dient darin eher als Anlass für die Neuentdeckung seines Formats und Tuns und weniger als Grund.

Trotzalledem haben die letzten Monate eine Zeit mit sich gebracht, die es ermöglichte in Zeitraffermanier gesellschaftliche Prozesse anzuregen und in kleinen Reallaboren auszutesten. Im Rahmen der vielen Ausgaben von »Dem der liebe J. sein Morgengruß« wird klar, dass die momentanen Zustände in der Kunst- und Kulturszene aber vielmehr als Zäsur wirken und weniger als Bruch. David ist deshalb der Auffassung, dass der herrschende Moment weniger Wendepunkt und vielmehr Ideenstärker für die Zukunft darstellt.

Im Interview mit David J. Becher | Foto von Wolf Sondermann

In Krisenzeiten wird ständig empor gehoben wie wichtig Kultur für eine Gesellschaft sei. Aber sobald die Kultur ihres Moments des Beisammenseins und der Geselligkeit beraubt wird, verliert sie schnell an Reiz. David kann es genau deswegen kaum erwarten sich wieder über rempelnde Besucher*innen auf Konzerten und murmelnde Menschen im Kino zu ärgern. Trotz alledem tragen neu entwickelte Formate der Wuppertaler Kunst- und Kulturszene, wie z. B. das von David, dazu bei, dass Kultur auch in Krisenzeiten ein gesellschaftsstiftendes Moment hervorbringen. Ein Moment der gerade in Krisenzeiten unerlässlich scheint. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen wie viele Kuturschaffende mit den Impulsen der letzten Monate verfahren.

Falls du mehr von Davids Arbeit und seinen Projekten erfahren möchtest, dann schau doch hier auf seiner Homepage, bzw. seinen Social Media Kanälen (Instagram | Facebook) vorbei, oder schau dir hier (fast) alle Ausgaben von »Dem der liebe J. sein Morgengruß« an.

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