UtopiastadtGarten | Ein Ruheort im urbanen Raum

Wuppertal ist eine der grünsten Großstädte Deutschlands – manche Statistiken reden sogar von der grünsten Deutschlands. Zahlreiche Wälder und Ackerflächen umgeben die Peripherie der Talstadt, und auch im urbanen Raum zieren zahlreiche Parks, wie die Hardt oder die Barmer Anlagen, die Stadt. Die Wuppertaler nutzen diese als Ort der Erholung und des Entspannens. Die Gärtner*innen des UtopiastadtGartens haben eine etwas andere Herangehensweise. Statt Grünflächen lediglich zu Erholungszwecken zu nutzen, schaffen sie Jahr für Jahr einen Garten mitten im urbanen Raum. Auch die Gärtner*innen hat die Pandemie mitten in ihren Vorbereitungen getroffen. Doch statt sich von ihrem Vorhaben in diesem Jahr abbringen zu lassen, legten sie einen Garten an, der gerade jetzt in seiner vollen Pracht erscheint. Wolf und ich haben uns mit der Gruppe zusammengesetzt und bei einem Bierchen unter der großen Kastanie, direkt an der Mirkerstraße, über ihr Tun und ihre Motivation gesprochen.

In den Abendstunden im Garten eine ganz eigene Stimmung | Foto von Wolf Sondermann

Die Gärtner*innen des UtopiastadtGartens sind eine bunt gemischte Truppe. Hier treffen hauptberufliche Anwälte auf Sozialarbeiterinnen, Designerinnen auf Schreiner. Genauso vielfältig sind auch die Gesprächsthemen und Blickwinkel in der Gartengruppe. Der „anhaltende Gesellschaftskongress mit Ambitionen und Wirkung“, den Utopiastadt sich selbst auf die Fahne schreibt, findet hier seine soziale Umsetzung. Gemeinsam schaffen sie das anfangs unmöglich Scheinende: sie erschaffen mitten in der ehemaligen Industriebrache, zwischen Bahnsteig und Straße einen urbanen Garten. Weder der Boden eigenete sich anfangs zur Nutzung, noch war die Gruppengröße ausreichend für den Arbeitsaufwand. Doch mittlerweile verbessert sich die Qualität des Bodens von Jahr zu Jahr und auch die Gruppe ist inzwischen so groß, dass sie auf dem Campus weitere Flächen zur urbanen Lebensmittelproduktion erschließen konnte. Seit zwei Jahren leisten sogar Bienenvölker ihren Teil, dazu die Flora und Fauna im Quartier Mirke zu vergrößern.

Der UtopistadtGarten ist vieles – vor allem aber nicht bloß ein einfacher Garten. Er ist ein Ort, der Zuflucht vor Alltäglichkeit und Trubel gibt. Ein geheimer Ort irgendwo in der Stadt – jeder kann ihn sehen und betreten, und doch ist er ein Schutzraum vor dem urbanen Trubel. Er ist ein Ort der Engagements und des sozialen Miteinanders. Ein Ort an dem ausprobiert und erprobt werden kann. Ein Ort an dem der Gartenarbeit wieder Platz im urbanen Raum geschaffen wird. Das öffnet Räume für den Anbau verschollen geglaubter Pflanzensorten, ursprüngliche Anbauweisen und die Produktion von Lebensmitteln. Für manche ist insbesondere die politische und ökologische Botschaft wichtig, andere engagieren sich hier aus ganz persönlichen Beweggründen. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zur Gartenarbeit und dem sozialen Miteinander der Gruppe.

Mittwoch Abend ist Gartenzeit | Foto von Wolf Sondermann

Doch obwohl die Gärten eine enorm wichtige Rolle für Mensch und Tier darstellen – sei es für Lebensmittelproduktion oder Erholung vom urbanen Stress – verschwinden sie nach und nach. Der klassische Vorgarten wird zum Steingarten umfunktioniert, das letzte Beet wird von einem Carport verdeckt. Obwohl laut eigener Aussage der deutschen Bürger*innen Gartenarbeit zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt, muss sie stets schnell von der Hand gehen. Die Schönheit und der Nutzen des Gartens wird an dessen Aufwand gemessen. Die Ehrenamtler*innen des UtopiastadtGarten nutzen den Garten wieder als Raum, der etwas hervorbringt und zurückgibt. Das ist in Anbetracht der Entwicklung des urbanen Raums keine Neuigkeit, denn Knappheit von Lebensmitteln führte in der Vergangenheit schon immer zum urbanen Gärtnern und damit zur Lebensmittelproduktion. Doch im Kontext des allmählichen Gartensterbens wird der UtopiastadtGarten zu einem Vorzeigeprojekt.

Was angepflanzt wird, entscheiden die Gärtner*innen kollektiv und demokratisch. Hier ist kein Platz für hierarchisches Denken und jeglicher Versuch von Außen Hierarchien aufzuzwingen scheiterte bis dato am kollektiven Willen der Gruppe. Trotz alledem werden unausgesprochene Einzelaktion alla „spontan doch etwas pflanzen“ akzeptiert und für gut befunden – hier herrscht ein geplantes Chaos mit Regeln. Doch der Garten ist eben auch soziales Forum, dass außerhalb von Ehrenamt seine Wirkung entfaltet. Bei abendlichen Gesprächen unter der großen Kastanie und gemeinsamen Gießaktionen, begegnen sich immer wieder Charaktere mit verschiedenen Interessen, Vorgehensweisen und Meinungen. Das führt nicht nur dzu, dass der Garten jedes Jahr aufs Neue ganz anders wächst, sondern auch zu Diskussionen und Gesprächen, die außerhalb des Kontexts vielleicht nicht entstehen würden. Auf die Frage wie sich die Gruppe entwickelt hat antwortet die Truppe nach kurzen Nachdenken mit Folgendem: „Wir sind Gärtner*innen die mittlerweile befreundet sind, keine Freunde die mittlerweile gärtnern.“

Mit vollem Einsatz urbanen Raum grün machen | Foto von Wolf Sondermann

Aber auch hier hat die anhaltende Pandemie ihre Wirkung gezeigt.
Nachdem Utopistadt am 15. März eine vorerst einwöchige Atempause aufgrund der Entwicklungen der sich verbreitenden Pandemie einlegte, standen alle ehrenamtlichen Aktivitäten still. Keine langwierigen Besprechungen in persona mehr, kein Gerödel in der Werkstatt, kein Zusammenkommen bei einem Getränk im Hutmacher und eben auch keine wöchentliche Gartenrunde mehr. Das trifft die Gärtner*innen ziemlich genau im Anbeginn der diesjährigen Saison, doch die dadurch angestoßene zeitliche Verzögerung führt nicht zu einem platzen der Pläne. Stattdessen verschiebt sich der Start der Gartensaison nach hinten. Das Schöne am Gärtnern ist, dass es unter freiem Himmel stattfindet – hier ist sowohl die Ansteckungsgefahr niedriger als auch mehr Platz, um sich auf Distanz zu begegnen. Da ein Großteil der Gärtner*innen, bedingt durch die Umstände der Pandemie, gar nicht mehr oder weniger arbeitet, bleibt außerdem mehr Zeit für die Arbeit im Garten. So nutzen einzelne der Gärtner*innen den Garten als Zufluchtsort vor den eigenen vier Wänden, manche in den Morgenstunden, andere in den Abendstunden. Und einmal angefangen, bedarf der Garten alle 2–3 Tage Pflege, um auch nachhaltig fortbestehen zu können. Die perfekten Voraussetzungen um in Zeiten der Pandemie nicht in den eigenen vier Wänden zu versinken, mit Abstand auf Menschen zu treffen und körperlich fit zu bleiben – kein Wunder das er in diesem Jahr in besonderem Glanz erstrahlt. Vielleicht brauchen wir alle ein wenig mehr Garten in unserem Leben!

Falls du mehr über die Arbeit der Gärtner*innen des Utopiastadtgartens erfahren möchtest oder vielleicht in Zukunft Teil der Truppe werden möchtest, dann meld dich doch hier via E-Mail bei n.brandau@verein.utopiastadt.eu oder komm Mittwochs um 19 Uhr zu Treffen der Gärtner*innen.

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