Hand in Hand | Für ein solidarisches und hilfsbereites Wuppertal

Die „Flüchtlingskrise“ ist bereits seit Jahren aus den Schlagzeilen der großen Medien verschwunden. Doch daraus resultierend anzunehmen, diese Krise sei überwunden, ist naiv. Das jüngste Vorkommen auf der griechischen Insel Lesbos rückte die Geschehnisse an der europäischen Außengrenze erneut in den Fokus der Medien. Dort brannte über Nacht das ehemalige Militärgefängnis und heutige Geflüchtetenlager „Moria“ ab. Mehr als 12000 Menschen verloren in einer Nacht ihre gesamte Existenzgrundlage. Doch statt diese Krise als längst notwendigen Anlass zu nehmen, die Flüchtenden aus dem ehemaligen Lager aufzunehmen, stellen sich viele der europäischen Staaten quer. Es müsse eine „europäische Lösung“ für diese Krise gefunden werden.

Als der Verein »Hand in Hand – Kontaktpersonen für Geflüchtete e.V.« von diesem Brand erfuhr, hat er die Notwendigkeit gesehen, einen offenen Brief an den Wuppertaler Bundestagsabgeordneten Helge Lindh zu adressieren. Wir haben uns mit Rebecca, Matilda und Melisa im Garten der Diakoniekirche getroffen um mehr über die Aktivitäten des Vereins, den offenen Brief und daraus resultierende Reaktionen zu erfahren.

(v.l.) Matilda, Melisa und Rebecca | Foto von Wolf Sondermann

Mit offenen Armen empfangen werden? Bei Unsicherheiten Hilfe angeboten bekommen? Neue Menschen kennenlernen? All das ermöglicht der Verein »Hand in Hand – Kontaktpersonen für Geflüchtete e.V.«. Der ehrenamtlich geführte Verein gibt Hilfestellungen, die es durch zwischenmenschliche Kontakte ermöglichen, in Wuppertal anzukommen, ein soziales Umfeld aufzubauen und sich in der Stadt zurechtzufinden. Rebecca (28) wohnt seit zwei Jahren wieder in der Talstadt. Über Freunde fand sie ihren Weg zum Verein und ist seitdem aktives Mitglied. Matilda (27) übernahm 2018 die Projektleitung und gestaltet seitdem aktiv das Tun des Vereins. Melisa (24) kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins und ist über eine Kommilitonin Teil des Vereins geworden.

Hand in Hand steht aber ganz grundsätzlich für das niedrigschwellige Zusammenbringen von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. Als der Verein Anfang 2017 die Arbeit aufnahm, funktionierte das noch durch eine klassische Kontaktvermittlung. Damals wurden Menschen, die Hilfe bedurften, an Menschen vermittelt, die diese Hilfestellung leisten konnten. Praktisch setzte sich diese Hilfe sowohl in Form von begleiteten Behördengängen und Sprachunterstützung, aber auch in gemeinsamen sozialen Aktivitäten wie Café trinken um. Nachlassende Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer*innen und der Wunsch nach Abwechslung führten dazu, dass das System Anfang 2018 umgestellt wurde. Seitdem veranstaltet der Verein zahlreiche wöchentliche und monatliche Veranstaltungen, im Rahmen derer sich Menschen begegnen. Laut Matilda sorgt das nicht nur dafür, das die Kontakte natürlicher entstehen, sondern sie sind auch wesentlich bedingungsloser. Seit 2018 finden wöchentlich eine Bewerbungshilfe, Nachhilfe, ein Sprachtreff und ein Spieleabend statt. Monatlich findet eine Jamsession, eine Kreativveranstaltung mit wechselnden Themen und ein Kochtreff statt. In diesen Veranstaltungen geht es sowohl darum, sich kennenzulernen als auch vor allem voneinander zu lernen – quasi interkultureller Austausch par excellence.

Und das Konzept geht auf. Inzwischen hat sich eine große und diverse Truppe von Interessierten, Bekannten und Freund*innen zusammengefunden, die die Veranstaltungen besuchen und umsetzen. Darüber hinaus hat das Team des Vereins seit Aufnahme seiner Arbeit herzlichst dazu eingeladen, Teil dessen zu werden. Daraus entstand ein diverses Team, dass sowohl aus einheimischen als auch aus zweiheimischen Menschen besteht und Integrationsarbeit nahbar und niedrigschwellig gestaltet. Angesichts der Einschränkungen durch die anhaltende Pandemie wurden auch die Aktiitäten des Vereins enorm eingeschränkt. Sämtliche Veranstaltungen mussten bis zum heutigen Tage unterbrochen werden und auch Teamsitzungen in den Räumlichkeiten des Vereins an der Diakoniekirche sind nicht sicher umsetzbar. Trotz alledem ist der Verein aktiv. In den letzten Monaten fungierte der Verein vor Allem als Vermittlungsstelle für Menschen, die Hilfe benötigen. Außerdem wird in Zukunft ein Rahmenprogramm erarbeitet, dass gewisse Veranstaltungen auch unter den erschwerten Bedingungen ermöglichen soll.

Die Räumlichkeiten des Vereins | Foto von Wolf Sondermann

Der Verein versteht sich weniger als politisches und politisierendes Element, sondern vielmehr als sozialen Raum der schafft und integriert. Der vergangene Brand im Geflüchtetenlager „Moria“ auf der griechischen Insel Lesbos, und die damit einhergehende gefühlte Machtlosigkeit führte jedoch dazu, dass sich das Organisationsteam in einem offenen Brief an den Wuppertaler Bundestagsabgeordneten und Politiker der SPD Helge Lindh wandte. Darin fordert das Organisationsteam Lindh auf, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Denn unlängst wurde u.a. von Lindh gepredigt, dass es von größter Bedeutung sei die Menschen an der europäischen Außengrenze aufzunehmen. Das Abstimmungsbild im Bundestag hingegen spricht gegen diese Forderung (so auch die letzte Abstimmung am 18.09.20). Deswegen fordert der Verein Lindh dazu, auf seinen Worten Taten folgen zu lassen – doch auf den offenen Brief gab es keinerlei Reaktion.
Dabei steht gerade Lindh eigentlich für ein menschliches und offenes Wuppertal. In der Vergangenheit sprach er sich wann immer möglich gegen rechte Akteur*innen und deren Gedankengut aus, lässt sich jetzt nur selten die Chance nehmen, im Bundestag gegen die AfD vorzugehen und ist selbst Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Migration und Vielfalt Wuppertal“. Doch das hilft den Menschen an der Mittelmeerküste nicht.

Leider spiegelt das Verhalten der Bundesregierung und der sie tragenden Fraktionen im Bundestag (CDU/CSU und SPD) in keinster Weise diese Dringlichkeit wider. Entgegen Ihrer heute auf Twitter geäußerten Forderung, Deutschland müsse „kurzfristig mehrere 1000 Personen … aufnehmen“, haben auch Sie im Bundestag bereits im März gegen einen Antrag gestimmt, der die Aufnahme von Geflüchteten aus den griechischen Lagern forderte. […]
Sehr geehrter Herr Lindh, wir fordern Sie daher auf, Ihren Worten Taten folgen zu lassen und sich endlich wirksam dafür einzusetzen, dass Deutschland schnellstmöglich Hilfe leistet und Migrant*innen aus den griechischen Lagern aufnimmt. […] Es wird Zeit, die ausgestreckte Hand der Kommunen anzunehmen anstatt sie immer wieder aufs Neue mit fadenscheinigen Begründungen auszuschlagen. Die Menschen in Moria und in vielen anderen Lagern brauchen jetzt unsere Hilfe.“ (Quelle: “

Offener Brief: Moria evakuieren und Geflüchtete aufnehmen!“ von Hand in Hand – Kontaktpersonen für Geflüchtete e.V.)

Gerade im Hinblick auf die 191 Kommunen, die sich freiwillig und selbstständig als sichere Häfen ausrufen ließen, und damit bei einer Aufnahme von Geflüchteten als mögliche Anlaufstelle fungieren wollen, wirkt das Nichtstun der Regierung paradox. Es kann und darf nicht die Lösung sein, dass sich allgemein geteilte, humanitäre und demokratische Werte hinter bestehenden gesetzlichen Regeln der EU verstecken. Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen, dass jetzt ca. 2000 Menschen aus Moria nach Deutschland kommen, während noch über 10000 Menschen in widrigsten Lebensumständen an diesem Ort festgehalten werden. Das Warten auf eine europäische Lösung ist kein passiver Akt, sondern ein aktiver, der die Menschen in Moria vor die Tatsache stellt, dass ihnen vorerst nicht aus dieser Situation geholfen wird. Europa – Träger des Friedensnobelpreises – lässt dieses Elend vor seinen Toren geschehen und schaut zu.

Im Gespräch | Foto von Wolf Sondermann

Wuppertal hat sich trotz Aufforderungen von vielen Seiten nicht als sicheren Hafen eintragen lassen und die notwendige Infrastruktur bereitgestellt. Vielleicht wird der neugewählte und baldig amtierende Oberbürgermeister Uwe Schneidewind seinen Beitrag dazu leisten und bei diesem Schritt vorangehen.

In jetzt fünf Jahren Arbeit schaffte es der Verein, eine Vielzahl an neuen und bereichernden Freundschaften zu ermöglichen, Menschen in Wuppertal willkommen zu heißen und durch den Trubel der Stadt zu begleiten. »Hand in Hand – Kontaktpersonen für Geflüchtete« ist weit mehr als eine bloße Kontaktvermittlung und steht symbolisch und praktisch mit vielen weiteren Initiativen für ein offenes und hilfsbereites Wuppertal – weit über das Quartier hinaus.
Falls du weiterhin über die Arbeit des Vereins informiert bleiben willst, kannst du hier auf den Social Media [Facebook|Instagram] vorbeischauen. Außerdem freuen sich Matilda, Melisa, Rebecca und die anderen stets über Öffentlichkeit für ihre Veranstaltungen und hoffentlich baldig neue Besucher*innen!

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