Auf einen Besuch | Sanierungs-Workout in Utopiastadt

Dass der ehemalige Bahnhof Mirke saniert werden soll, ist inzwischen allgemein bekannt. Utopiastadt konnte rund 4 Millionen Euro für die Sanierung des denkmalgeschützen Bahnhofs über das Programm der Städtebauförderung NRW und weitere Stiftungen akquirieren. Doch der Baubeginn wurde in den letzten Jahren so einige Male verschoben, denn oft hakte es am Abruf der Gelder – nun aber ist es so weit. Das Planerteam begann Ende 2018 mit seiner Arbeit und in wenigen Wochen wird die Sanierung im ersten Bauabschnitt beginnen, die bereits jetzt in ehrenamtlicher Arbeit vorbereitet wird. Nebenbei sanieren die Utopist*innen außerdem in Eigenarbeit die benachbarte ehemalige Gepäckabfertigung, in die nach Fertigstellung sowohl die Vereinsräumlichkeiten des /dev/tal e.V. sowie die Utopiastadtwerkstadt einziehen werden. Utopien schaffen ist eben Handarbeit! All diese Sanierungsarbeiten der Utopist*innen finden im Rahmen des wöchentlichen „Utopiastadt Sanierungs-Workout“ statt. Jeden Samstag versammeln sich hier Ehrenamtler*innen, um tatkräftig beim Fortschritt der Sanierung zu helfen, eine gesellige Zeit zu haben und gemeinsam Stein auf Stein zu setzen. Dieses utopisch-ehrenamtliche Zusammenkommen ließen auch Wolf und ich uns nicht entgehen und besuchten das Workout am vergangenen Samstag.

Besagter Samstag ist ein echter Tag aus einem wuppertaler Bilderbuch. Der Himmel ist verhangen, Regenschauer reiht sich an Regenschauer und wahrscheinlich sitzen die meisten Wuppertaler*innen auf der Couch und genießen ihre Lieblingssendung im Schlafanzug. Nicht so die Utopist*innen. Als wir in der Gepäckabfertigung ankommen, die liebevoll auch GPA genannt wird, frühstücken die Utopist*innen gerade gemeinsam und besprechen dabei die anstehenden Aufgaben. Überall im Raum sitzen Brötchen essende und Warnwesten tragende „Utopisten im Einsatz“. Wir werden herzlich empfangen und im Anschluss gehen alle ihren Aufgaben nach. Heute werden wir vier der engagierten Utopist*innen für kurze Zeit von ihrer Arbeit fern halten und ihnen einige Fragen stellen. Warum engagierst du dich an einem verregnetem Samstag? Wie bist du hier gelandet und was wünscht du dir für die Zukunft des Sanierungs-Workouts?

„Dass die Zwei sich da hingesetzt haben, das machte da einfach meinen Tag, so trivial es scheint.“ sagt Richie, leidenschaftlicher Utopist

Richie (46) | Foto von Wolf Sondermann


Einige der Utopist*innen schachten den ehemaligen Abwasserkanal der Gepäckabfertigung aus. Hierfür eilte ihnen ein benachbarter Bauunternehmer mit einem Aufsitzbagger zur Hilfe, der einige Schweißtropfen ersparte. An diesem Ort treffen wir auch auf Richie, der gerade mit schwerem Gerät Zement vermischt, um das neue Abwasserrohr zu verlegen. Richie (46), der eigentlich Richard Joos heißt, verdient seine Brötchen mit Onlinemarketing. Er wurde Teil des Workouts, als er vor einigen Jahren begann, sein Hobby in Utopiastadt auszuleben. Aus alten Paletten baute er Holzmöbel, von denen auch einige die Flächen Utopiastadt schmücken. Richie ist neugierig und wissbegierig. Durch das ständige Angebot an Aufgaben rund um den Utopiastadt Campus findet er sich immer wieder in Situationen wieder, in denen er etwas Neues lernt, etwas macht und anschließend sofort ein vorzeigbares Ergebnis erzielt. So auch, als er das erste mal half, ein Dach zu decken – das der Gepäckabfertigung, vor der wir gerade stehen. Ihn motiviert es, in einem andauernden Prozess etwas zu schaffen, das einen Mehrwert für die Menschen um ihn herum mit sich bringt. Ob es Besucher*innen Utopiastadts oder die Mitutopist*innen sind. Eine Mauer zu bauen, auf der sich Tags drauf ein Pärchen sonnt – für diese Kleinigkeiten liebt Richie diese Samstage, erzählt er. „Dass die Zwei sich da hingesetzt haben, das machte da einfach meinen Tag, so trivial es scheint“. Außerdem stellt die körperliche Arbeit eine gute Abwechslung zu seinem alltäglichen Computerjob da. Wenn er allerdings nicht gerade an regnerischen Samstagen mit großem Gerät hantiert, sitzt er gerne mit einer Mate auf den Flächen Utopiastadts und genießt das Leben an diesem Ort. Für zukünftige Workouts wünscht er sich laut eigener Aussage einen  Bagger und noch mehr Leute, die tatkräftig zur Seite stehen. Auf besseres Wetter zu hoffen würde wohl keinen Sinn machen, ansonsten sei er wunschlos glücklich.

Candy (55) | Foto von Wolf Sondermann

Im Hintergrund fährt der Hubwagen von links nach rechts, die Rollen knallen laut auf die einzelnen Steine der Trassenauffahrt und die Utopist*innen ziehen die schweren Lasten unter Keuchen und Lachen hinter sich her. Mein Weg führt mich weg von der GPA über die Trassenauffahrt in den Hutmacher. Hier steht die Workout-Rezeption und an der Büchertheke des Hutmachers werden die helfenden Utopist*innen mit kostenfreien Getränken versorgt. Als auch ich mir ein Getränk bestelle, treffe ich auf Candy, die gerade einen Kaffee an der Theke trinkt. Candy Wiegratz (55), arbeitet im echten Leben als Industriedesigner*in. Hier in Utopiastadt hat sie sich vor einiger Zeit jedoch ihren Wunsch erfüllt und beherbergt seitdem einige Bienenvölker auf den Flächen Utopiastadts. Den Honig, den sie produziert, bekommen nur wenige zu sehen, da er meist schnell vergriffen ist. Beim heutigen Workout kümmert sie sich um den Garten und räumt das benachbarte Außenlager auf dem ehemaligen Bahnsteig auf. Seitdem sie vor knapp 5 Jahren an diesem Ort gelandet ist, sind nur wenige Wochenenden vergangen, an denen Candy sich hier nicht aktiv eingebracht hat. Kein Wunder, dass sie inzwischen eine Vielzahl ihrer Freunde hier um sich versammelt hat. Sie liebt es, sinnvoller Arbeit nachzugehen, ihre Expertise einzubringen und insbesondere der Spaß spielt dabei eine große Rolle. Schon oft hat Candy sich die Frage gestellt, warum die ehrenamtliche Arbeit und das Umfeld von Utopiastadt so viele Menschen fesselt. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Ort einem selbst ein Verantwortungsgefühl schenkt und aufzeigt, wie wichtig es ist, sich für sich selbst und und die Nachbar*innen zu engagieren. Das Workout stellt für sie einen Raum dar, in dem diese Aspekte besonders eng verknüpft sind, auch wenn strukturell hier und da ein paar Werkzeuge und Hilfsmittel fehlen, die die Arbeit erleichtern würden.

„Was ich hier gelernt habe? Die Contenance zu bewahren“ so Alex, Leiter des heutigen Workouts

Alex (29) | Foto von Wolf Sondermann

Nachdem ich mich für das Gespräch bedanke, ziehe ich mit meiner Limo weiter durch das Haus. Im ehemaligen Wartesaal 1. Klasse, momentan die wohl schönste Abstellkammer Wuppertals, rödeln einige Utopist*innen und sortieren Möbel für den anstehenden „Trassentrödel“ auseinander. Im Nebenraum – dem ersten Bauabschnitt der Sanierung – wird außerdem ausgemistet und umgeräumt, um Platz zu schaffen. Hier treffe ich auf Alex. Alexander Timo Netterdon (29), im Haus als Alex oder Yusuf bekannt, ist inzwischen ein fester Bestandteil Utopiastadts. Als er vor sechs Jahren als Kellner hinter der Büchertheke im historischen Bahnhof landete, konnte er sich wohl kaum vorstellen, dass er fünf Jahre später zum Teil des Vorstandes des Utopiastadt e.V. gewählt wird. Als „Kind des Hauses“ kennt er Utopiastadt in- und auswendig und leitet seit geraumer Zeit die Workouts mit. Er bewahrt den Überblick über anstehende Aufgaben und kümmert sich darum, dass die Helfer*innen etwas zu tun haben, wenn ihnen danach ist. Außerdem steht er Interessierten und Besucher*innen an diesem Tag für Fragen zur Verfügung. Der Beginn der Sanierung der historischen Gemäuer stellt für Alex einen lang ersehnten Punkt dar. Endlich sind die langen Jahre der Theorie und Planung vorbei und die ersten Spatenstiche in Richtung Zukunft können nicht bloß erdacht, sondern praktisch gelebt werden. Auf die Frage, warum er sich beim Workout und auch sonst in Utopiastadt engagiert, hat Alex viele Antworten. Er mag es, den Wuppertaler*innen einen Ort zu eröffnen, an dem sich sich verwirklichen können, er liebt das große, diverse Miteinander und die Arbeit bereitet ihm Spaß. Außerdem sieht er das Workout als einen Raum an, in dem sich Menschen auf einer sehr niedrigschwelligen Ebene begegnen und Bekanntschaften machen, die sie außerhalb dieses Raum höchstwahrscheinlich nicht eingegangen wären. Die Schnittstelle von Theorie und Praxis und viele unterschiedliche Menschen, die gemeinsam einen Ort beleben, bringen allerdings auch Hürden mit sich. Diesen stellt Alex sich jedoch gerne – und im Rahmen seiner Zeit in diesem alten Bahnhof hat er in jedem Fall gelernt, „die Contenance zu bewahren“, so Alex.

Mats (18) | Foto von Wolf Sondermann

Unser Gespräch endet, als wir auf der Trassenseite des Hutmachers auf Mats treffen, der am heutigen Tag gemeinsam mit Alex das Workout vorbereitete. Zusammen mit Wolf, der gerade aus der Gepäckabfertigung kommt, setzen wir uns unter einen Schirm in die Außengastronomie des Hutmachers. Regentropfen prasseln auf den Schirm, während wir gemeinsam einen Kaffee trinken. Mats Luca Wendel, im Haus als Mats bekannt, ist mit seinen 18 Jahren der zweitjüngste Teilnehmer des heutigen Workouts. Als er vor knapp einem halben Jahr durch seinen Job hinter der Büchertheke in den historischen Wänden Utopiastadts landete, wurde schnell klar, dass dies für ihn mehr als ein Ort des Geldverdienens ist. Er schraubt hier und da an seinem Fahrrad rum, hilft bei der Durchführung von Veranstaltungen, und auch bei den Workouts ist er seit kurzem aktiv. Insbesondere momentan, da er bedingt durch die Herbstferien keine Schule hat und seine Überstunden im Hutmacher abfeiert. Einfach auf der Couch rumzuliegen wäre ihm viel zu langweilig. Stattdessen räumte er heute fleißig den ehemaligen Sanitärcontainer aus und kümmert sich um die Verladung von Möbeln darin. Mats kommt aus einem Umfeld, in dem er nur selten mit Handarbeit in Kontakt kam. Umso mehr liebt er es, sich in Situationen zu wagen, in denen er darauf angewiesen ist, genau dies zu tun und sich dabei Expertise anzueignen. Außerdem sieht er das Arbeiten mit Ehrenamtler*innen als persönliche Errungenschaft, denn es arbeitet sich einfach anders mit Menschen, deren Arbeit nicht mit Geld, sondern mit einem Lächeln und einer Schale Nudeln mit Tomatensoße am Ende des Tages belohnt wird. Trotzdem muss er sich manchmal noch an solche Situationen gewöhnen, in denen sein Ehrgeiz größer ist als die Motivation des Gegenübers. Laut eigener Aussage lernt er daraus aber eine besondere „Akzeptanz für das Tun und Machen von Menschen“, so Mats.

Wolf und ich verweilen noch rund eine Stunde auf dem Bahnsteig vor dem Hutmacher und machen uns Gedanken darüber, warum Menschen sich beim Utopiastadt Sanierungs-Workout engagieren. Die Antwort darauf kann wohl kaum nach Schema F gegeben werden. Jeder der Menschen, die wir hier heute getroffen haben, bringt seine ganz eigene und persönliche Motivation hierher. Irgendwie scheinen sich alle für sich selbst und gleichzeitig für alle zusammen zu engagieren. Die Schnittstelle zwischen Eigennutz und Gemeinnützigkeit. Alle für sich selbst und alle für alle. Es ist bewundernswert, wie dieses Miteinander der Utopist*innen funktioniert, trotz ihrer unterschiedlichen Motivationen, Erfahrungen und Interessen. Unsere Alltagsphilosophie wird vom Essensruf unterbrochen. Gemeinsam lassen alle ehrenamtlichen Helfer*innen die Schippen, Hubwagen und Spitzhacken fallen und treffen sich in der Büroetage Utopiastadts zum gemeinsamen Essen. In den warmen Räumlichkeiten duftet es nach frischer Tomatensauce, Olivenöl und Pasta. Ben, ein Freund des Hauses, hat seine Kochkünste zum Besten gegeben und gemeinsam lassen alle den Tag ausklingen. Was danach im Hutmacher passierte, bleibt im Hutmacher.

Die meisten Wuppertaler*innen stellen sich ihren Samstag wohl anders vor. Das Workout ist keine typische Erholung von einer harten Arbeitswoche und ganz bestimmt nicht das gemütlichste, was man an einem Wochenendtag tun kann. Aber für viele der Utopist*innen, die wir hier heute treffen konnten, stellt das Workout einen Mehrwert dar. Einen Mehrwert für sie selbst, wie auch für die Gemeinschaft und all die Menschen die letztendlich am Resultat ihrer Arbeit teilhaben. Ob es das Pärchen ist, dass sich auf der von Richie erbauten Mauer sonnt, die Menschen, die in Zukunft zum Reparaturcafe in der Gepäckabfertigung kommen, um ihren Fernseher zu reparieren, oder die Besucher*innen der Konzerte, die nach der Sanierung auch im Wartesaal 1 stattfinden werden. Das Sanierungs-Workout in Utopiastadt stellt für all dies eine Basis dar, auf der Raum für Utopie geschaffen wird – Stein für Stein, Handschlag für Handschlag.

Die Utopist*innen brauchen in Zukunft noch an vielen Samstagen die tatkräftige Unterstützung von Helfer*innen. Falls du dich mit einbringen möchtest, dann komm doch einfach Samstags ab 11 Uhr in den Hutmacher und melde dich bei der Workoutrezeption, oder schreibe vorab eine mail an sanierung@utopiastadt.eu. Falls du Facebook nutzt, findest du hier außerdem die aktuellen Infos zu jedem Workout!

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