Manche Menschen gehören einfach zu einem Stadtviertel dazu. Einer davon ist Mosche Kohlstadt, der seit einigen Jahren in der Mirke nicht nur lebt, sondern vor allem auch aktiv ist. In dieser Zeit war er vor allem auch ein Chronist – des Viertels, aber auch von Utopiastadt. Jetzt legt er seine Aufgabe in neue Hände. Ein Gespräch.

Mosche, wie bist Du eigentlich bei Utopiastadt und in der Mirke gelandet?
Mosche: Im September 2015 habe ich meinen Bundesfreiwilligendienst hier in Utopiastadt begonnen, das war durch diese einjährige Beschäftigung ein sehr niedrigschwelliger Eintritt in die Bubble. Gemeinsam mit einem zweiten Bufdi habe ich das Projekt „Changemaker City“ geleitet, im Rahmen dessen wir Workshops für Jugendliche zum Thema soziale Projektentwicklung angeboten haben. In diesem Jahr wurde ich Teil von Utopiastadt und des Quartiers.
Kurzum: Ein bisschen von allem war dabei – aber wie bist Du dann zum Schreiben gekommen?
Mosche: Irgendwann habe ich zu dieser Zeit angefangen, eine Art Tagebuch für die Homepage zu schreiben, die wir damals noch hatten. Bis zum Ende meines Bufdis und ein paar Monate darüber hinaus habe ich das weitergeführt.
Dann bist Du aber erstmal wieder anderweitig abgebogen?
Mosche: Ich bin weiter bei Utopiastadt hängengeblieben, eher im Veranstaltungsbereich. Bei Konzerten und Lesungen habe ich ehrenamtlich mitgearbeitet. Und irgendwann kam dann Christian Hampe, (Geschäftsführer a.d.R) auf mich zu und fragte, ob ich mit dem Schreiben weitermachen möchte; im Sommer 2017 war das. Da ist die Quartiers-Webseite online gegangen und sie brauchten jemanden, der sie mitgestaltet. Und dann habe ich siebeneinhalb Jahre über die Mirke geschrieben.
Das ist eine lange Zeit. Gibt es Themen, die besonders im Fokus waren?
Mosche: Dadurch, dass das Forum Mirke die Homepage mitinitiiert hat, wurden natürlich Themen wie die Entwicklung der Fahrradstraße Friedrichstraße, die Diakonie- beziehungsweise die Kreuzkirche und was daraus werden sollte und natürlich die Entwicklung von Utopiastadt langfristig von mir begleitet.
Gab es auch etwas, das dir persönlich sehr am Herzen lag oder immer noch liegt?
Mosche: Der Erhalt des AZ ist für mich – auch weil ich mich dort in meiner Jugend politisiert habe – ein besonderes Anliegen. Auch der jährliche Besuch des Supagolf ist noch immer ein Highlight für mich. Vor ein paar Jahren war ich zum ersten Mal mit meinem Patenkind da, da nimmt das alles nochmal eine ganz neue Dimension an.
Wenn man Prozesse so lange begleitet, wird man da auch mal frustriert, weil es nicht so richtig vorangeht?
Mosche: Es gibt schon Momente, in denen man emotional und ungeduldig wird. Ich begleite seit über zehn Jahren die Entwicklungen im Quartier und sehe, was alles passiert. Wie sich alles fortwährend entwickelt und Wendungen nimmt. Ich hoffe, dass in Zukunft noch viel mehr Menschen daran teilhaben können, vielleicht auch solche, deren Lebensrealitäten bislang noch nicht in der Quartiersarbeit abgebildet werden. Im Großen und Ganzen mag ich diesen Entwicklungsprozess, der ja auch in der Konstellationsanalyse von Matthias Wanner festgehalten wurde, und hoffe, dass er noch lange andauert und neue Möglichkeiten für möglichst viele öffnet.


Würdest Du Deine Arbeit eher als die eines Chronisten oder mehr als die eines Aktivators sehen?
Mosche: Es ist ein Stück weit beides, gerade in den letzten Jahren, in denen die Mitmachprojekte aufgrund finanzieller Einschnitte und der Pandemie weniger präsent geworden sind, ging es mehr darum, zu offenbaren, was in den Hinterhöfen passiert. Mal in einen Kiosk oder in den Fahrradladen um die Ecke zu gehen, und einfach zu zeigen, was für Geschichten und Menschen dahinterstecken. Diese Lebensgeschichten zu erzählen, bedeutet auch, die Vielfalt im Quartier und die Motivation der Bewohner*innen darzustellen.
Wieso hast du dich jetzt entschieden, damit aufzuhören?
Mosche: Ich bin 2022 nach Köln gezogen, um dort meinen Master in „Gender & Queer Studies“ zu absolvieren. Im Frühjahr 2025 bin ich dann wieder zurückgekommen, weil ich einen Job in der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe angenommen habe. Schlussendlich ist es auch die Arbeit, der Zeitfaktor. Ich höre nicht damit auf, weil ich auf das Schreiben oder die Menschen hier keine Lust mehr hätte. Ich schreibe immer noch, aber mehr wissenschaftliche Texte oder Sachen für mich. Daneben habe ich noch einen Lehrauftrag an der Uni Köln, der fordert natürlich auch stark. Es gibt Tausend Themen im Quartier – als Zwei-Mensch-Redaktion stößt man da irgendwann an seine Grenzen.
Was würdest du Menschen raten, die hier neu ankommen oder überlegen, herzuziehen?
Mosche: Ich glaube, Wuppertal hat einige Orte, an denen es sehr einfach ist, neue Menschen und Dinge kennenzulernen. Sei es der Hutmacher, Schmitz Katze, die Alte Feuerwache oder auch die Sitzungen des Forum Mirke als Stadtteilkonferenz. Überall kann man auf tolle Angebote und Hilfe stoßen. Dein Fahrrad fährt nicht mehr richtig? Geh zu den Mirker Schrauba. Du willst anpacken? Mach beim Workout von Utopiastadt mit, jeden Samstag wird da gemeinsam gewerkelt.
Schaust Du manchmal noch in alte Texte von Dir?
Mosche: Tatsächlich hab ich mich gerade in letzter Zeit dabei ertappt. Und es ist doch schon krass, wie viel sich in der Mirke seitdem getan hat, oder? Gleichzeitig freue ich mich, wenn ein Laden, eine Kneipe, eine Initiative immer noch da ist.
Fotos: Wolf Sondermann (@wolfsondermann), Judith Kolodziej (@siebterfebruar)
Das Interview führte: Julia Nemesheimer (@fraeulein_rabenschwarz)
